

Seit der Nacht zum 29. September 2004 ist Köln um eine zweifelhafte Touristenattraktion reicher: In der Severinstraße gibt es jetzt einen schiefen Turm. Stolz vergleichen die Kölner das angeschlagene Ziegelgebäude schon mit dem Turm von Pisa, anstatt beschämt Parallelen zum schlechten Abschneiden beim Mathematikteil der gleichnamigen Studie herzustellen – denn schließlich verdankt der Turm seine neue Optik dem Rechenfehler eines Statikers. Und ganz souverän beginnt man in der Severinstraße mit dem Souvenirverkauf. Der unschlagbare Vorteil des schiefen Turms hierbei: er lässt sich viel besser auf T-Shirts drucken und in Schlüsselanhänger verwandeln als das notorische Hochwasser.
Der Kölner beweist wieder einmal seine lässige Routine im Umgang mit Missgeschicken – passieren sie ihm doch vergleichsweise häufig. Ein bescheidener Rückzug zum Wundenlecken ist nicht seine Sache, peinlich ist ihm gar nichts. Man denke nur an die Pflastersteindecke des Heumarktes, die – ebenfalls auf Grund eines Rechenfehlers – gleich mehrfach verlegt werden musste. Oder an die vielen Touristen auf dem Vorplatz des Museum Ludwig, die während eines Konzertes in der Philharmonie immer eifrig und freundlich von ABMlern umdirigiert werden müssen, damit die Musiker unter ihren Füßen nicht beim Spielen gestört werden. Im Gegenteil betrachtet der Kölner die Ergebnisse kölscher Fehlplanung mit einer Art väterlichem Stolz und hegt und pflegt sie. Auch unser Turm wird vorerst weder aufgerichtet noch abgerissen werden: Der Turm DARF bleiben – eine echte Erleichterung, und in den Augen der Kölner ein neuerlicher Beweis für den innovativen Geist der Stadt.

Mittlerweile wird das schräge Bild in der Severinstraße durch ein stützendes Stahlgerüst abgerundet. Hier glaubt man schon lange, dass Gerüste zu einer Kirche gehören wie ein Altar und eine Glocke. Ach ja, die Glocke. Die darf vorerst auch nicht mehr läuten, die Erschütterungen könnten den Turm zum endgültigen Einsturz bringen. Trotz Gerüst. Auch das ist kein neues Phänomen, der dicke Pitter darf schließlich auch nur zu Ostern und nach Vorankündigung erklingen, damit den Kellnern im Domhotel genügend Zeit bleibt, das Kristall in Sicherheit zu bringen. Das hindert den Kölner selbstverständlich nicht daran, unglaublich stolz auf diese Glocke zu sein.
Vielleicht hegen einige Kölner auch die verzweifelt verwegene Hoffnung, dass mit der Erhaltung des Turmes der Stadt auch das Weltkulturerbe erhalten bleiben wird. Nun ja, diese Hoffnung darf an dieser Stelle sogleich begraben werden. Zum Weltkulturerbe hat die UNESCO nicht einmal den Turm von Pisa erklärt – und der sieht doch wenigstens vergleichsweise hübsch aus.
Silke Maria Welteroth