Der SSK - Das Zusammenleben

Im Verkaufsraum

Leben und arbeiten in einem Kollektiv? Für so manchen ist das eine unvorstellbare Sa­che, für manch anderen eine schöne Utopie, für einige einfach Realität und Alltag. In der Kölner Südstadt gibt es ein solches Kollektiv. In zwei ehemals besetzten Häusern am Sa­lierring – Nummer 37 und 41 – hat sich der gemeinnützige SSK e. V., die Sozialistische Selbsthilfe Köln, eingerichtet. Hier leben seit 35 Jahren Menschen in enger Gemeinschaft zusammen, die sich Geld, Haus und Arbeit teilen. Sie verdienen ihr Geld mit Umzügen und Entrümpelungen und mit dem Verkauf von gebrauchten Möbeln. "Das funktioniert, weil es sich um Arbeit handelt, die jeder verrichten kann", sagt Thomas. Und das ist wichtig, denn bei den Bewoh­nern des SSK handelt es sich häufig um Menschen, die die Schule abgebrochen oder keine Berufshausbildung haben.

Auf dem Hof

Die Arbeit wird montags auf der Plenumssitzung im Rotationsprinzip verteilt. Jeder ist einmal zuständig für das Mittagessen, das pünktlich um eins auf dem Tisch stehen soll, für den Verkaufsraum, die Annahme von Aufträgen oder für die Entrümpelungen. Wö­chentlich erhält jeder eine Art Taschengeld von 70 Euro. Miete muss nicht gezahlt wer­den. Die Miete für die Häuser, die sich in Privatbesitz befinden, wird aus der Kollektivkasse finanziert, ebenso wie Essen, Toilettenartikel und die Nebenkosten für die Häuser. Auch für die Kranken- und Sozialversicherung kommt das Kollektiv auf. Kleidung erhalten die Be­wohner aus der Kleiderkammer. "Man glaubt gar nicht, was da manchmal für tolle Sa­chen dabei sind!" sagt Annette. "Ich bin froh darüber, denn man sieht mir nicht sofort an, wo und wie ich lebe." Neben dem Verzicht auf Luxus gehört zum Leben in diesem Kollektiv auch politische Arbeit. Der LKW des SSK wird regelmäßig als Lautsprecherwagen auf Demonstrationen benutzt, Menschen werden bei schwierigen Behördengängen unter­stützt und straffällig gewordene Jugendliche haben die Möglichkeit, ihre Sozialstunden hier abzuleisten.

Der Schock

Vor der Tür

Im Juni 2004 schien die Zukunft des SSK plötzlich bedroht. Ein Gericht hatte in einem seit langem schwelenden Rechtsstreit mit dem Vermieter der Häuser zu dessen Gunsten entschieden. Die Folge: Eines der beiden Häuser sollte innerhalb von drei Monaten komplett geräumt werden. "Wir waren gerade mitten in einer Entrümpelung, als einer von uns auf dem Handy angerufen wurde und die Nachricht erhielt", erinnert sich Annette. Im SSK wurden Krisensitzungen abgehalten und Aktionen geplant. Die Bewohner veranstalteten öffentliche Wohnzimmer auf dem Heumarkt und dem Rathausplatz und GoIns. Es fanden kleine Spontandemonstrationen von bis zu 100 Menschen in der Innenstadt und Kundgebungen vor dem Rathaus und auf dem Roncalliplatz statt. Bei allen Aktionen, die von den Bewohnern gestartet wurden, stand die Rettung des Kollektivs für jeden an oberster Stelle. "An die Sicherung seiner ganz persönlichen Zukunft hat hier – glaub ich – niemand gedacht", sagt Annette. Für Thomas war die extrem kurze Räumungsfrist von drei Monaten der größte Schock. "Die bevorstehende Räumung war für mich nicht das Schlimmste", sagt Thomas, "denn das traf uns nicht aus heiterem Himmel." Der Streit mit dem Hausbesitzer zog sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren hin.

Die Rettung

Auf dem Dach

Zu dem Zeitpunkt, als die Nachricht über das neue Gerichtsurteil eintraf, stand der SSK auch schon in Verkaufsverhandlungen mit dem Besitzer der Häuser. "Wir wollten das Haus Nummer 41 kaufen", sagt Annette, "aber wir wurden uns mit dem Besitzer nicht einig." Der SSK verfügte über eine Erbschaft in Höhe von 300.000 Euro und hatte Kreditzusagen von einer alternativen Bank. Der Kauf war also keine utopische Idee. "Nach dem Gerichtsurteil dachte ich als erstes: Scheiße, jetzt wird’s teurer!" sagt Thomas. Der Besitzer erhöhte dann tatsächlich den Kaufpreis für das Haus Nummer 41 und stellte zusätzlich die Forde­rung, den Vertrag für das Haus Nummer 37 komplett aufzulösen. Nach vielen Aktionen und langen Verhandlungen mit dem Eigentümer kam es schließlich doch zu einer Einigung: das Haus 41 ist jetzt für 600.000 Euro vom SSK gekauft worden – mit Hilfe von Privatdarlehen und einem Zuschuss der Stadt Köln von 100.000 Euro. "Dass es billiger ist, uns mit 100.000 Euro zu helfen anstatt künftig 30 Menschen auf unbestimmte Zeit mit Sozialhilfe und Wohngeld zu versorgen, das versteht sogar die CDU!" lacht Annette. "Und die ist ja nun wirklich kein Freund des SSK." Für das Haus Nummer 37 wurde ein neuer Mietvertrag aufgesetzt, dieser darf bis zum Jahr 2024 nicht angetastet werden. Dafür musste der SSK eine Mieterhöhung von 15 Prozent in Kauf nehmen. Thomas hatte im Grunde kaum Zweifel am positiven Ausgang der Geschichte: "Ich hab mir die ganze Zeit gedacht: es wird schon nichts passieren", sagt er. Er hat sich darauf verlassen, dass auf jeden Fall eine Lösung gefunden und letztendlich niemand auf der Straße landen wird. Außerdem war da ja noch die Erbschaft, die der SSK e. V. gemacht hatte: "Es kämpft sich einfach ganz anders, wenn man 300.000 Euro auf dem Konto hat."

Silke Maria Welteroth

Links

www.ssk-bleibt.de - Informationen über den SSK