

Jedes Jahr zu Veilchendienstag wartet die Südstadt mit einer speziellen Attraktion auf: der Veedelszoch, der ab 14.00 Uhr seinen Weg durch die Südstadtstraßen nimmt. Die Organisation des Südstadtzuges übernehmen fünf Leute, die sich in der „AG Südstadt-Zug“ – ironisch nennen sie sich auch das „Festkomitee der Südstadt“, dazu später mehr – zusammengeschlossen haben.
Einer davon ist Pfarrer Hans Mörtter, der das Projekt insgesamt koordiniert. Pfarrer Hans Mörtter ist seit dem 1. Mai 1987 als evangelischer Pfarrer in der Martin-Luther-Kirche aktiv. Seitdem hat er sich in der Südstadt gut eingelebt, die Leute und Lokalitäten kennen gelernt. koeln-suedstadt.de hat mit ihm gesprochen…
„Das Besondere am Südstadtzug ist, dass er von den Südstädtern selbst gestaltet wird und nicht von festen Gremien im Karneval“, so Mörtter. Er existiert im Jahr 2006 seit sechs Jahren, nachdem er 1999 und 2000 zwei Jahre lang nicht mehr veranstaltet wurde.
Der Karnevalszug durch die Südstadt wird von Jahr zu Jahr länger: 2004 gab es 19 verschiene Zugnummern und etwa 850 Teilnehmer. Und 2005 werden bereits über 1.000 Mitwirkende erwartet! Unter den Teilnehmern, die am Zug mitwirken findet sich ein sehr buntes Ensemble: unter anderem die Rosa Funken, die Crew der Stunksitzung sowie der Kinderstunksitzung. Auch das Team der Ziegenbartsitzung aus der ehemaligen Dom-Brauerei in der Alteburger Straße ist dabei. Außerdem wirken alle drei Grundschulen der Südstadt mit, und auch einige Kindergärten. Die kleinste Gruppe bestand übrigens letztes Mal aus einer fünfköpfigen Familie, die sogar einen eigenen kleinen Wagen stellte. Mindestanforderungen wie die Zugehörigkeit zu einem Karnevalsverein gibt es übrigens hier nicht: „die einzige Bedingung ist: jeck genug sein!“ und wer dies ist, ist eingeladen, im Zug mitzuziehen.
Das Organisationsteam, die AG-Südstadt-Zug, kümmert sich jedes Jahr um die Vorbereitungen. Alles wird dabei gemeinsam gemacht: einer übernimmt das Design der Ankündigungsplakate, einer hält Kontakt zu den Geschäftsleuten der Südstadt, diese sponsern nämlich das Wurfmaterial der Kinder. Einer übernimmt die Abstimmung mit der KVB, dem Ordnungsamt der Stadt und dem Polizeipräsidium. Dies ist jedoch mehr und mehr Routinearbeit, die jedes Jahr leichter wird. Alle diese Beteiligten sind außerdem jedes Mal sehr kooperativ.
Das Abschlussfest nach dem Südstadtzug wird am Platz an der Eiche im Vringsveedel gefeiert, vor dem Haus Müller. Die Stunksitzungs-Band „Köbes Underground“ gibt sich die Ehre, und sorgte hier in den letzten Jahren für eine klasse Stimmung. Nach dem Zug bereitet sich Pfarrer Mörtter dann auf seine „Nubbel-Rede“ vor. Vor dem „Filos“ in der Merowingerstraße wird nämlich jedes Jahr bei der Nubbelverbrennung der Sünden im Karneval gedacht und der Nubbel als Hauptverantwortlicher für alle Verfehlungen den Flammen übergeben. Nur ist das in der Südstadt natürlich völlig anders!
Die AG Südstadt-Zug trifft sich für ihre Planungen oft im Café Sur in der Wormser Straße, welches sich direkt gegenüber der Martin-Luther-Kirche befindet, wo Pfarrer Hans Mörtter sein Büro hat. Es ist sozusagen das „Südstadt-Wohnzimmer“ mit viel Atmosphäre, leckerem Essen und Zeitungen satt. Die Motivation für das Organisationsteam erklärt Hans Mörtter so: Als der Südstadt-Zug zwei Mal in Folge ausfiel, standen bei jedem Male Familien mit ihren Kindern am Weg, die mit Kamelle-Tüten bewaffnet auf den Zug warteten, der nicht kommen sollte. Deshalb musste Abhilfe her. Der Südstadtzug musste wiederkommen!
Als beschlossen war, dass der Südstadtzug wieder stattfinden sollte, wandten sie sich zuerst an das ehemalige traditionelle Organisationskomitee. Die Gespräche mit diesem liefen allerdings schwierig, weil man das karnevalistische und noch nicht fest etablierte Treiben sehr skeptisch beäugte… Deshalb setzten sie schließlich auf Eigeninitiative und Planung „von unten“ mit Mitwirkung der unterschiedlichen Grüppchen, die den Zug mit Leben füllen: Der Erfolg dieses einzigartigen Zuges gibt ihnen Recht, und die Bestätigung für die Mühen ist, dass es den Leuten so gut gefällt. Es soll ein „freier, schöner Straßenkarneval“ sein – außerdem ist Karneval ja eine „Tradition in der Südstadt“, so Mörtter. Oft sind es die kleinen Momente, die das Herz erwärmen. So stehen beispielsweise oft alte Menschen aus dem Altersheim am Severinswall am Severinstor, denen man ihre Freude ansehen kann.

Kurzum: Der Südstadtkarneval ist authentischer als in jedem anderen Stadtviertel. Die Leute bringen sich aktiv – im Zug und um den Zug herum – ein, und wer einzig und allein zum Saufen kommt, der ist in der Südstadt fehl am Platze und hat den Karneval als solches nicht kapiert, denn Karneval lebt von Interaktion und lebt vom „Geben und Nehmen“.
Und was macht das Festkomitee? Es staunt übrigens nicht schlecht über das karnevalistische Treiben in der Südstadt. Es wird argwöhnisch verfolgt, denn mit einer solchen Menge an ehrenamtlichen Engagement für die jecke Sache hätten sie nicht gerechnet. An ein amüsantes „Skandälchen“ erinnern sich die Südstädter genau: es war vor ein paar Jahren, als der Festausschuss im Rosenmontagszug einen Wagen hatte, der von den Pennern auf der Domplatte handelte und dass die Umgebung des Domes schöner werden solle. Ein Wagen auf Kosten der Schwächsten war allerdings irritierend für die Südstädter – im Karneval werden eher die Regierenden veräppelt. Deshalb kündigte man scherzhaft an, bei der Aufstellung des Rosenmontagszuges auf der Severinstraße „ein paar Tomätchen“ bereit zu halten. Das Komitee wertete dieses jedoch als „Anschlag“ auf den Zug, die Boulevardpresse sprang darauf auf. Als Reaktion wurde nach der Karnevalsmesse ein „kollektives Abrüsten“ der Südstädter veranstaltet – dieses bestand aus einem gemeinsamen Tomaten-Essen…
Übrigens: Zur geistigen Einstimmung auf den Zug gibt es jedes Jahr in der Martin-Luther-Kirche am Karnevalssamstag wieder die „närrische Messe“, die auf Kölsch gehalten wird. Sie fängt um 17.00 Uhr an, und alle Jeckinnen und Jecken sind eingeladen. Sie mündet in eine Disco in der Kirche bis zum Umfallen.
Auf eine gute Session und die Südstadt!!
Bernd Schöneck