
Was ist dran am Karneval? Studentin Jenny wollte es wissen und machte das Experiment in der Kölner Südstadt am 11.11. - zwei Monate vor dem Straßenkarneval.
Es ist kalt, windig und sieht nach Regen aus. "Ganz tolles Experiment", seufzt Jenny, zündet sich eine Zigarette an und lehnt sich gegen eine Hauswand. "Warum hab ich mich darauf bloß eingelassen?" Es ist der 11. 11. Heute fällt der Startschuss für den Kölner Karneval, und Jenny ist in die Südstadt gekommen, um einen Test zu machen: Was ist dran am Phänomen Karneval? Jenny hat damit nicht viel am Hut: "Besaufen kann ich mich auch so. Wieso muss ich mich dafür verkleiden?" Doch die Studentin will es wissen: Kommt die Karnevals-Begeisterung vielleicht doch noch, wenn man sich erst einmal darauf einlässt?
Bis jetzt ist von phänomenaler Karnevals-Stimmung nicht viel zu spüren - zumindest nicht am Chlodwigplatz, wo Jenny ihre Zigarette austritt und die Passanten mustert. Keine Jecken in Sicht. Eine Frau mit Leopardenmuster-Jacke, Leggins und vielen bunten Haargummis stiefelt vorbei. Verkleidet - oder einfach nur ein extrem schlechter Modegeschmack? Zu Gunsten der Frau nimmt Jenny ersteres an. An der nächsten Straßenecke entdeckt die Karnevals-Testerin zwei Jungs mit giftgrünen Perücken, FC-Schals und Bierflaschen in der Hand. Die Jungs sehen nicht so aus, als würden sie jedem Passanten "Drink doch eene mit" zurufen. Trotzdem gibt sich Jenny einen Ruck und spricht sie an. Doch tatsächlich: Die beiden stellen sich als Sven und Markus vor und bieten Test-Jeck Jenny einen Schluck aus ihrer halbleeren Bierflasche an. Die zögert kurz, schiebt alle Gedanken an Herpes und Bakterien zur Seite und nimmt einen kräftigen Schluck. Zimperlich darf man wohl nicht sein als Karnevals-Jeck.
"Kommste noch mit?", fragt Marco. "Wir wollen noch einen trinken, hier um die Ecke." Der mobile Biervorrat ist mit Jennys Hilfe erschöpft. Die drei betreten die nächste Kneipe. Die Luft ist warm und stickig, obwohl es hier nicht gerade brechend voll ist. Abgesehen von einigen Männern an der Theke ist nur ein Tisch besetzt. Dort sitzt eine gemischte Gruppe mittleren Alters. Die Frauen lachen und reden viel und wirken mit ihren Clowns- und Matrosenkostümen bodenständig und uneitel. Den Männern reicht ein lustiges Hütchen als Kostüm. "Können wir uns zu euch setzen?", fragt Jenny."Na klar, setzt euch", ruft ein rotgesichtiger Mann um die 50.
"Nochmal für alle", ruft der Mann der Kellnerin zu und lässt seinen Arm unkontrolliert über die Runde schlenkern. Auch Jenny, Sven und Marko setzt die Kellnerin ein Kölsch vor die Nase. Großzügig sind sie, die Jecken. "Wo kommt ihr denn her?", fragt eine blonde Frau, die sich rote Herzchen auf die Wange gemalt hat. Für lange Erklärungen scheint sie jedoch nicht mehr aufnahmebereit zu sein. Schon nach wenigen Worten wirkt die Frau unaufmerksam und fängt an, ihren Sitznachbarn anzustubsen und ihn in den Bauch zu kneifen. Hauptgesprächsthema am Tisch sind lustige Karnevals-Erlebnisse aus den vergangenen Jahren. Großes Gelächter, als der Begleiter der blonden Frau erzählt, wie sie sich bei eine Sitzung mit der Klofrau anlegte und in angetrunkenen Zustand versuchte, ihr aus Rache die Geldstücke vom Teller zu klauen. Jenny lacht. Zwar legen ihr für ihren Geschmack einige der älteren Herren etwas zu oft den Arm um die Schultern. Es wäre ihrer Meinung nach auch nicht unbedingt nötig, dass sie von einer betrunkenen älteren Dame mit Luftschlangen dekoriert wird. Doch die Karnevals-Testerin amüsiert sich trotzdem. Ganz selbstverständlich dürfen die Studentin und ihre Begleiter mitfeiern. Gleich zweimal bekam Jenny innerhalb von einer Stunde das Angebot "Drink doch eene mit".
"Erstaunlicherweise hatte ich wirklich Spaß", resümiert Jenny einige Stunden später. "Und normalerweise hätte ich mich nie getraut, die Leute anzusprechen und mich einfach dazuzusetzen." Jennys Fazit: Die Atmosphäre an Karneval ist wirklich eine ganz besondere. "Ich muss das nicht jeden Tag haben, aber ein-, zweimal im Jahr ist das toll."
Judith Conrady