Zwei närrische Karnevals-Jubiläen im Vringsveedel

Die Südstadt feiert!

Worin unterscheidet sich der Karneval in der Südstadt von dem in den anderen Veedeln? Dafür gibt es mehrere Gründe: das Vringsveedel und seine Umgebung ist ein in sich geschlossener Stadtteil, in dem der Zusammenhalt stark und die Anonymität geringer als anderswo ist - dies färbt auch auf den Karneval ab, der hier noch ausgelassener und familiärer gefeiert wird als in anderen Vierteln.

Im Verein ist Karneval am schönsten - diese Devise gilt für wohl zehntausende von Kölnern, die sich in weit über 100 Karnevalsvereinen der Stadt organisiert haben - von der kleinen Theken-Clique em Veedel bis zum großen Traditionskorps. Das gemeinsame Feiern und Zusammensein, aber auch kölsche Brauchtumspflege und soziales Engagement sind die wichtigsten Aspekte im Vereinsleben.

Natürlich gilt dies auch - und gerade - für die jecke Südstadt. Das Jahr 2005 wartet mit gleich zwei runden Jubiläen im Veedel auf. Zwei Karnevalsvereine haben sie gefeiert, die auf eine lange und abwechslungsreiche Geschichte zurückblicken können.

Ein jecker Verein vom Schiefen Turm: die „Spillmannsgasser Junge“

Gründungmitglied ... zusammen mit Erich Zweigart

50 Jahre ist es jetzt her: Im Jahre 1955 begab es sich im Vringsveedel, dass eine Gruppe von Karnevalsjecken sich in einer Eckkneipe traf und die Idee hatte, aktiv an den tollen Tagen mitzumachen und spontan einen Karnevalsverein zu gründen. Der „Spillmannsgasser Junge e.V..“ war so geboren.

Schon im nächsten Jahr, 1956, war der Verein beim Dienstags-Veedelszoch dabei. Die älteren Mitglieder erinnern sich auch noch an das Jahr 1972, als sie mit ihrem Wagen mit dem Motto „Vater Rhein früher und heute“ den ersten Platz gewinnen konnten. Der Verein nimmt auch heute noch aktiv am Südstadtkarneval teil, ebenso auch jedes Jahr zu Weiberfastnacht beim traditionellen Sternmarsch Richtung Altstadt. Auch kölsche Brauchtums- und Nachbarschaftspflege stand von Anfang an hoch im Kurs: Einmal im Jahr findet ein Kaffeeklatsch „für die Ahle us dem Veedel“ statt, an dem die Senioren aus dem Veedel kostenlos bewirtet werden - bis heute hat sich diese Tradition gehalten.

Highlights des närrischen Jahres sind für die „Spillmannsgasser Junge“ der Kostümball im Pfarrsaal St. Johann Baptist - übrigens die Pfarrei, die Ende 2004 durch ihren „Schiefen Turm“ überregionale Berühmtheit erlangt hat - und die „Große Sitzung“ in der Wolkenburg am Mauritiussteinweg Ende Januar. Einmal im Monat treffen sich die noch aktiven Vereinsmitglieder um ihren Präsidenten Erich Zweigart außerdem zu einem gemeinsamen Abend. Der Verein hat momentan fast 100 Mitglieder - zwei Frauen sind als Gründungsmitglieder „seit der allerersten Stunde“ dabei.

Als das Vringsveedel besonders in den siebziger Jahren saniert wurde, mussten viele Bewohner in andere Stadtteile ausweichen. Und trotzdem: durch die Zugehörig­keit zu den „Spillmannsgasser Junge“ blieben die Kontakte ins und die Erinnerungen ans Severinsviertel wach.

Oft kopiert - nie erreicht: die „Original Negerköpp vun 1929“

Die aktiven Mitglieder - in voller Montur!

75 Jahre ist es her, da begann die Geschichte eines weiteren Vereins in der Südstadt. 1929 als Kegelclub gegründet, entschlossen sich die Mitglieder schon bald, auch im kölschen Fastelovend mitzumachen, da das Feierpotenzial hier noch um einiges höher liegt. Die „Negerköpp“ waren geboren.

Es gibt viele Vereine in Köln, die sich mit dem Namen „Negerköpp“ schmücken - doch die Jecken aus dem Severinsviertel waren die Ersten mit dieser Idee. Deshalb haben sie sich schon bald nach der Gründung in „Original Negerköpp“ umbenannt. Das besondere Kennzeichen der Negerköpp sind die kunterbunten und verschiedenfarbigen Kostüme mit dazugehöriger Kopfbedeckung von Filzhut über Narrenkappe und Sombrero. Der Verein umfasst zur Zeit 17 aktive sowie an die 40 inaktive und sieben Ehrenmitglieder, ihr Präsident ist Frank Heidemann. Nach einer längeren Pause nehmen sie seit 1999 wieder aktiv an den verschiedenen Karnevalszügen teil.

Charakteristisch für diesen Verein ist auch sein Showprogramm: Die „Negerköpp“ haben sich in und um Köln mit ihren Kostümen und ihren Auftritten, bei denen sie alte und neue kölsche Lieder zum Besten geben, einen Namen gemacht. Unter anderem um neue Stücke einzuüben, treffen sie sich von Zeit zu Zeit in ihrer Stammkneipe „Im Maischbottich“ auf der Dreikönigenstraße im Severinsviertel.

Jean Jülich und die Löstige Eins

Jean Jülich in seinem Element - als Sitzungspräsident!

Alles begann Anfang der 70er Jahre: da stand Jean Jülich als Gastwirt hinter der Theke seiner Kneipe „Et Blomekörvche“ im Vringsveedel. Dort kam er, durch seine Gäste animiert, auf die Idee, eine eigene Karnevalssitzung zu organisieren.

Gesagt, getan: die erste Sitzung fand 1974 noch im „Blomekörvche“ statt. Doch im Laufe der Jahre wurde das Platzangebot auf Grund der ständig wachsenden Beliebtheit der Sitzung und der immer größeren Nachfrage nach Plätzen schnell zu klein, deshalb zog Jean Jülich mit seiner Sitzung zunächst ins Comedia-Colonia-Theater, dann in die 350 Plätze starke Aula des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums am Waidmarkt. Als später auch diese an die Grenze seiner Kapazitäten gelangte, zog er mit seiner Sitzung in die 1000 Plätze fassende Stadthalle in Köln-Mülheim, in der auch zahlreiche andere (nicht nur karnevalistische) Veranstaltungen stattfinden. Seitdem finden drei Sitzungen pro Session statt – eine Herren-, eine Damen- und eine gemischte Sitzung.

Jean Jülich blickt auf eine lange Karriere im Karneval zurück und ist auch heute noch in hohem Maße karnevalistisch aktiv. Er war früher einer der Präsidenten des Festkommitees Kölner Karneval, bis heute ist er Ehrenmitglied in zahlreichen Vereinen. Im Jahre 2000 gründete er seine eigene Gesellschaft, die „Löstige Eins“. Das Besondere an der „Löstigen Eins“ aber ist, dass es keine Karnevalsgesellschaft im eigentlichen Sinne ist, sondern Jean Jülich das einzige Vereinsmitglied ist – wie der Name „Löstige Eins“ schon sagt. Dies ist eine Parodie auf die großen, straff organisierten Karnevalsvereine mit ihren verschiedenen Funktionsträgern – der Elferrat besteht aus Puppen, die „nicht reinquatschen können“, so Jülich.

Die kleinen Veedelsvereine verstehen sich untereinander sehr gut, und es findet ein Austausch statt, besucht sich gegenseitig auf den Vereinsveranstaltungen und –sitzungen. Kritisch stimmt es Jülich jedoch, dass es einige renommierte Vereine gibt, in die sich Akteure aus Wirtschaft und Kommunalpolitik mit entsprechendem Budget „einkaufen“ können, um an einen hohen Posten innerhalb des Vereins zu kommen, der Rang und Namen bietet. Denn für Jülich sind Karneval und Kommerz zwei Sachen, die unvereinbar sind.

Die Karnevalssitzungen der „Löstigen Eins“ zu organisieren ist harte Arbeit und muss lange im Voraus geplant werden: das Programm steht schon zwei Jahre vor der Veranstaltung fest. Zahlreiche Stars sind bei der Sitzung mit dabei, schon zum Inventar gehören außerdem die „Bläck Fööss“, die traditionell zum Ende der Sitzung auftreten.

Man kann mit Recht sagen: Jean Jülich und die alljährlichen Sitzungen der "Löstigen Eins" gehören zur absoluten Tradition des Kölner Karnevals. Wir freuen uns schon auf viele weitere Jahre karnevalistischer "Showtime"!

Karten für die Sitzungen der Löstigen Eins gibt es unter der Telefonnummer 311364.

Wie feiert die Südstadt?

Und auch ihm scheint's zu gefallen!

Der Karneval ist in der Südstadt besonders urtümlich – ein Grund dafür: die bauliche und soziale Struktur des Viertels blieb erhalten, da das Viertel nach dem Krieg nicht so stark wie einige andere Kölner Stadtteile verbaut wurde. Viel Originalsubstanz konnte bewahrt werden, viele Häuser konnten liebevoll restauriert werden. Die räumliche Enge des Severinsviertels, die recht schmalen Straßen, das pittoreske Stadtbild – dies alles fördert außerdem die Kommunikation. Auf „50 bis 60 Prozent Ureinwohner“ schätzt Jülich den Anteil derjenigen Südstädter, die schon in der Südstadt geboren wurden oder seit sehr langer Zeit hier leben. Dies soll aber nicht gegen die anderen Veedel und Stadtteile in Köln ausgelegt werden, den jedes Viertel hat seine Besonderheiten.

Schwerpunkt in der Südstadt ist der Karneval in den Straßen und Kneipen: allerdings fehlt es der Südstadt an einer eigenen, eine große Anzahl von Personen fassenden Halle – die letzte war der Annosaal an der gleichnamigen Annostraße, welcher in den 70er Jahren abgerissen wurde. So müssen die Südstadtvereine für ihre Sitzungen auf Säle in anderen Stadtteilen ausweichen.

Der beste Tag, um Karneval in der Südstadt eine Kneipentour zu veranstalten, ist laut Jülich übrigens der Karnevalssamstag. Weiberfastnacht ist die Südstadt, besonders im Severinsviertel, auch auf Grund der zahlreichen Veranstaltungen überfüllt. Wer die hautnahe Enge in den Kneipen jedoch mag, für den dürfte gerade Weiberfastnacht sehr lustig werden!

Bernd Schöneck