

Mit einem strahlenden Lächeln begrüßt mich Alessandro Palmitessa, 35 Jahre alt, Saxophonist, Klarinettist und Gründer des Menschensinfonieorchesters. Er hat seine halblangen, dunklen "Künstlerhaare" zu einem Zopf gebunden und einen Dreitagebart im Gesicht. Er hat wenig Zeit, am Montag fährt er nach Italien. Aber für einen kurzen Plausch im Café Sur, gleich hinter der Luther-Kirche, reicht es noch.
Vor sieben Jahren kam er nach Köln, seitdem wohnt er in der Südstadt. Dass es ihn nach Köln verschlagen hat, ist dem Ruf der Stadt zu verdanken: Eine deutsche Bekannte hatte ihm von Köln erzählt, von seiner multikulturellen, warmen Atmosphäre, die eher untypisch ist für deutsche Städte. Angezogen haben ihn auch die Musikszene hier, die Größe der Stadt und die fehlende Anonymität. Alessandro Palmitessa kommt aus dem Dorf Monopoli in Apulien, Italien.

"Die Südstadt ist fast wie ein Dorf", findet Alessandro. Hier hat er viele Menschen kennen gelernt. Er mag die Gemütlichkeit des Viertels, die vielen kleinen Geschäfte auf der Merowinger-, der Severins- und der Alteburgerstraße. In der Südstadt hat Alessandro Palmitessa schnell Kontakt zu anderen Künstlern bekommen, wie hier im Café Sur, einem Treffpunkt für Musiker, Schauspieler und Regisseure. So begann sein Traum von einem Leben als professioneller Musiker Wirklichkeit zu werden.
Am Anfang konnte er kein Wort Deutsch: "Ich habe mich mit Englisch durchgeschlagen und von meinen Ersparnissen aus Italien gelebt." Auch verschiedene Jobs halfen ihm über die Runden, ehe er die ersten Konzert-Engagements bekam. Die ersten zwei Jahre in Deutschland nutzte er, um Kontakte mit professionellen Musikern zu knüpfen und sich einen Proberaum im Kulturzentrum Stollwerck zu organisieren. Bei einer Jamsession lernte er Hans Mörtter kennen, den Pfarrer der Lutherkirche. So kam er zum Saxophon-Spielen im Vringstreff, einer Begegnungsstätte für Obdachlose und Nicht-Obdachlose, und wurde bald für ein Weihnachtskonzert im Obdachlosenheim Johanneshaus engagiert. Bei Gesprächen mit Straßenmusikern und Heimbewohnern merkte er, dass diese Menschen viel zu erzählen hatten und es gerne musikalisch ausdrücken würden. Langsam wuchs in ihm die Idee, ein Orchester mit Obdachlosen zu gründen.

Im Jahr 2001 gründete er mit Hans Mörtter das Menschensinfonieorchester. Kein Streich-, Blas- oder Jazzorchester, sondern eines, bei dem die Menschen im Vordergrund stehen, die die Musik machen. Ein Orchester mit den unterschiedlichsten Instrumenten, gespielt von Menschen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen, nicht nur musikalisch. Viele von ihnen sind obdachlos. Die 18 Musiker kommen nicht nur aus der Südstadt, sondern auch aus dem Umland und haben teils starke, teils weniger starke soziale Probleme. Etwa ein Viertel sind professionelle Musiker aus "normalen" Verhältnissen.
Anfangs konnte noch jeder mitspielen, der einigermaßen ein Instrument beherrschte. Mittlerweile hat die Musik ein gewisses Niveau erreicht, so dass Alessandro bei der Auswahl der Musiker genauer hinhört. "Das Projekt ist kein soziales Projekt, es möchte ein professionelles Projekt sein mit Obdachlosen und mit professionellen Musikern, die ein Dach über dem Kopf haben", betont Alessandro.
Aber nicht nur musikalisch, auch menschlich muss der Künstler ins Orchester passen. "Es gab schon viele Musiker, die ausgestiegen sind, weil sie nicht einverstanden waren mit meiner Art Musik zu machen oder weil sie meine Position haben wollten." Wenn es gar nicht geht, sagt Alessandro auf seine sanfte Art und mit sympathisch-italienischem Akzent: "Entweder du kommst unsere Weg…sonst kann man nicht weiter zusammenarbeite".
Es ist kein einfaches Projekt. "Man braucht viel Geld, für die Anlage, die Instrumente und mein Honorar", sagt Alessandro. Er hat das Orchester zunächst ehrenamtlich geleitet. Drei Monate nach der Pressepräsentation hat das Sozialministerium von NRW Interesse gezeigt und finanzierte das Projekt bis letzten November drei Jahre lang. Nun sucht das Menschensinfonieorchester neue Förderer und Sponsoren.

Die sollte es bekommen, denn das Orchester ist schließlich doch ein soziales Projekt, weil es dem Leben der Menschen einen Sinn gibt. Mehrere Obdachlose, die im Menschensinfonieorchester spielen, haben jetzt eine Wohnung. Jürgen, der Sänger mit der kratzig-schönen Stimme, hat zum Beispiel eine Unterkunft in einem sozialen Zentrum. Ein anderer Musiker kam aus dem Iran nach Köln, auf der Suche nach Asyl, und lebte auf der Straße. Der sympathische, witzige Mann war zwanzig Jahre alkoholabhängig. Seit er im Menschensinfonieorchester trommelt, ist er trocken, und hat mittlerweile sogar eine eigene Wohnung. Auch Arbeit hat er gefunden, harte körperliche Arbeit, weshalb er immer sehr erschöpft zur Probe kommt. Aber er ist glücklich.
Manchmal kommt aber auch das Orchester nicht gegen die harten Lebensumstände an. "Dirk, der Bass bei uns gespielt hat, hat es nicht geschafft am Leben zu bleiben. Er starb an Drogen", erzählt Alessandro. "Obdachlosigkeit heißt nicht nur ohne Dach über dem Kopf zu sein, sondern auch ohne das soziale Dach."
Rock, Pop, Jazz und Blues – die Musik des Menschensinfonieorchesters ist bunt gemischt. Die eindringlichen Texte erzählen von Gefühlen und Sehnsüchten der Obdachlosen. "Jemand, der auf der Straße lebt, hält sich doch nicht an feste Probezeiten", solche anfänglichen Vorurteile hat das Menschensinfonieorchester widerlegt. Die Musiker spielen sogar auswendig und entwickeln gemeinsame Kompositionen und Improvisationen.

Seit März 2001 tritt das Orchester regelmäßig auf, so zum Beispiel im letzten Jahr bei einem Benefizkonzert auf dem Roncalliplatz, vor kurzem im Stollwerck sowie bei einem ZDF-Gottesdienst in der Lutherkirche. Aber auch außerhalb der Grenzen Kölns wie etwa in Weimar. Im Herbst 2002 produzierten die Musiker ihre erste CD Menschensinfonieorchester, unter anderem mit dem Gastmusiker Klaus der Geiger. Mittlerweile ist das Orchester sogar international bekannt. Im Oktober 2004 unternahmen die Musiker eine Reise nach Prag, im Austausch mit einer tschechischen Obdachlosen-Theatergruppe – ein voller Erfolg in beiden Städten. Für nächstes Jahr plant Alessandro einen Austausch mit Japan, New York und Rom. "Das kostet viel Geld und Nerven. Deshalb brauchen wir Leute, die uns unterstützen und spenden."
Inmitten von Telefonaten, Proben und Vorbereitungen für Italien brennt mir Alessandro Fotos und Lieder des Menschensinfonieorchesters auf CD, damit ich sie auf unserer Website anbieten kann. Hören Sie mal rein.
Judith Jensen
Hörproben
Gedanken malen Bilder (MP3, 6MB)
Lass uns tanzen (MP3, 5,1MB)
Ich sitz am Rhein (MP3, 4,3MB)
Menschensinfonieorchester (MSO-Office)
Martin-Luther-Platz 4
50677 Köln
Tel.: 0221-3762990
Fax: 0221-340211
menschensinfonie.orchester@koeln.de
www.menschensinfonieorchester.de
Links
www.palmitessa.de - Website von Alessandro Palmitessa
http://www.geo.de- GEO-Reportage über das Menschensinfonieorchester