Belebt und bewegt - der andere Gottesdienst in der Südstadt

Die Straßen sind leer in der Südstadt. Hier und da hört man den Gesang einer Lerche, der nur ab und zu von einem vorbeifahrenden Auto übertönt wird. Es ist Sonntagmorgen, der 5. Dezember 2004. Obwohl es zu früh ist für einen Sonntagmorgen, sieht man in regelmäßigen Abständen Menschen in eine Richtung strömen. Ihren Schritten folgend, könnte so manch einer sehen wo sie einen hinführen. Vom Chlodwigplatz aus ist er nicht zu übersehen. Hoch ragt er empor, der Kirchturm der Lutherkirche. Obwohl nur das sonntägliche Läuten der Glocken an einen Kirchturm erinnert.

Hier findet jeden Sonntag um elf ein Gottesdienst der besonderen Art statt. Musik, Inspiration, Anregung - nichts kommt zu kurz. Und das alles in Kommunikation mit den Besuchern. Eintönige Monologe kennt hier schon lange niemand mehr. Sogar Motto-Gottesdienste gibt es. Einen Tango-Gottesdienst, einen Salbungs-Gottesdienst und einen Improvisations-Gottesdienst, die mehrmals im Jahr stattfinden. Seit Pfarrer Hans Mörtter 1989 in der Lutherkirche anfing, bekam der Gottesdienst im Laufe der Jahre seinen eigenen Charakter, fast als umhülle ein Zauber die Kirche, und die Menschen, die sich darin befinden.

Auch heute zu früher Stunde, ausnahmsweise schon um kurz vor neun, haben sich Jung und Alt in der Kirche versammelt, um gemeinsam einen ganz besonderen Gottesdienst zu feiern. Es wird rotiert, herum geschoben und geprobt. Die letzten Anweisungen erfolgen. Das ZDF hat diesen Gottesdienst in sein Programm aufgenommen und um 9.30 soll ein Live-Gottesdienst stattfinden. „Der heutige Gottesdienst soll so authentisch und natürlich wie möglich rüberkommen", sagt Pfarrer Mörtter und gibt schnell noch Anweisungen, welche Strophen wann gesungen werden. Für eventuelle Störenfriede hat er sich auch schon etwas ausgedacht. Was das verrät er nicht. Er ist heute besonders auf die Gemeinde angewiesen und man sieht ihm seine Nervosität an. Schließlich ist es der erste ZDF-Gottesdienst. Trotz aller Bemühungen ist heute doch alles ein bisschen anders als sonst, denn sobald gefilmt wird, verhält sich jeder Mensch nicht mehr so natürlich wie normalerweise. Aber zumindest wird ein Eindruck vermittelt von einem Gottesdienst, wie er fast Sonntag für Sonntag in der Südstadt stattfindet.

Gespannt erwarten die Besucher den Erdtanz

Die Menschen sitzen schweigend oder murmelnd noch in ihren Jacken, denn der Raum ist immer etwas kühl. In der Mitte der Kirche liegt ein großer Haufen Erde und Kerzen sind in einer schönen Formation vor dem Altar angeordnet. Einige Kinder springen umher während Herr Mörtter noch Ankündigungen für die heutige Spendenaktion macht. Nachher wird keine Zeit mehr dafür sein. Mit nur 45 Minuten ist der Gottesdienst viel kürzer als normalerweise. Kurz vor Beginn wird es das erste Mal ruhig in der Kirche. Alle Plätze sind besetzt. Hier und da noch ein Hin- und Hergerutsche, es wird sich noch mal durch die Haare gefahren und los geht’s. Der Pfarrer betritt die Mitte, heute sowie zu anderen besonderen Anlässen in seinem bunten Gebetschal. „Schön dass ihr gekommen seid, gut das ihr da seid." Die ersten Klavierklänge erklingen und Pfarrer Mörtter lässt seine Worte dazu fließen:

„…und immer wieder dieses Staunen und in allem ein Quell, ein Sein, ein Woher und Wohin, Schöpferkraft, Kraft des Lebens vor der Zeit und jenseits aller fassbaren Zeit, oh du ferner Gott und doch so nah, so unglaublich nah, du für mich, du für uns. Du hast uns geliebt und unbeirrt hast du berührt die Unberührbaren. Hast Menschen in die Arme genommen, die niemand in die Arme genommen. Mitten in der Sinnlosigkeit hast du in uns Sinn entdeckt und in uns Leben geöffnet in der Lebenskraft, ja, du heilst uns, heiligst uns…"

Das Menschensinfonieorchester spielte in diesem Gottesdienst eine besondere Rolle

Und mit den letzten Worten des Pfarrers verhallen die Klavierklänge. Nachdem die Gemeinde zwei Lieder gesungen hat, setzt sofort ein Orchester ein. Es ist das Menschensinfonieorchester, ein Orchester aus Obdachlosen und Nicht-Obdachlosen. Die Musik und die Texte, geprägt von der einzigartigen Individualität der Obdachlosen, erzählen von urmenschlichen Gefühlen und Sehnsüchten und dringen sofort in die Herzen der Menschen.

Der Sänger singt mit etwas kratziger und rauer Stimme über Menschenrechte, das Leben und die Hoffnung. Anschließend erzählt er von seiner Vergangenheit, den Schwierigkeiten und seinem Lebensmut. Er hat den Mut weiterzukämpfen und zu leben. Die Musik und das Menschensinfonieorchester haben seinem Leben einen neuen Sinn gegeben.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar" - ein Satz, den es in diesem Gottesdienst oft zu hören gibt. Es geht um Menschen, die die Würde des Menschen verletzen und andere, die jedem Gegenüber aufgeschlossen sind und in ihm einen Mensch erkennen. Geschichten, die aus der Realität nacherzählt werden, stimmen die Besucher nachdenklich.

Zu guter Letzt erkennen wir endlich, zu welchem Zweck der Erdhaufen in der Kirche liegt. Ganz in schwarz gekleidet kommt ein Tänzer fast schwebend in die Mitte des Raums getanzt. Er hält eine weiße, leuchtende Kerze in den Händen. Mal waagerecht, mal senkrecht windet er sie um sich - mit Bewegungen, die an indischen Tempeltanz erinnern. Er steckt sie in die Mitte der Erde, greift plötzlich mit beiden Händen neben der Kerze in die Erde, nimmt sie hoch und lässt sie über seinen Kopf rieseln. Die Bewegungen werden immer schneller und mit seinen Drehungen lässt er die Erde aus seinen Händen fallen. Die Leute der ersten Reihen bekommen den Erdtanz hautnah auch als solchen mit. Die Erde fliegt den Sitzenden auf die Mäntel und auf die Haare.

Die Kerzen der einzelnen Menschen erstrahlen als Symbol des Friedens

Eine Frau bekommt den Rest Erde, der in seinen Händen geblieben ist, in einer verheißungsvollen Geste überreicht. Er springt über die Kerze und den Erdhaufen hinweg und entfernt sich mit langsamen Bewegungen auf die letzten Klänge der Musik. Energie und Gefühl - nach dem Erdtanz bewegt man sich geistig wieder Richtung Wirklichkeit. Aber noch nicht ganz, denn ein letztes Mal für diesen Tag ertönt das Menschensinfonieorchester. Diesmal mit einem schnelleren Rhythmus, sodass einige Menschen aufstehen und mittanzen.

Währenddessen steckt eine Frau eine der Kerzen in den Erdhaufen, die zu Anfang des Gottesdienstes verteilt wurden. Viele tun es ihr gleich und irgendwann erstrahlt der Erdhaufen als ein Gesamtkunstwerk. Es vereint Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters, Menschen verschiedener Hautfarben und anderer Hintergründe. Auch heute hat uns wieder einmal der Zauber dieser Kirche eingehüllt und ist tief in unsere Herzen gedrungen.

Saskia Wiegand

Lutherkirche Köln
Martin Lutherplatz 2-4
50677 Köln
Tel.: 0221-384463
www.lutherkirche-koeln.de 

Kontakt
Hans Mörtter, Pfarrer
Sprechstunde: Do 17.30 - 19.00 Uhr
moertterSPAMSCHUTZ@kirche-koeln.de