
"Kulturell läuft in der Südstadt nichts" – ein hartes Statement für die Kölner Südstadt, der ein besonderes Flair nachgesagt wird. So urteilt einer, der es wissen muss: Jürgen Becker, Kölner Kabarettist und Kenner der Südstadt, hat in den 80er Jahren lange hier gewohnt. "Die Südstadt hat heute nichts mehr, was wohlhabende Rentner beunruhigen könnte", sagt Becker und lacht.

n den 70er und 80er Jahren, der "szenigen Phase" des Viertels, sind viele Künstler in die Südstadt gezogen. Die war damals Sanierungsgebiet und die Mieten günstig. "Durch die Fachhochschule, die Studenten und die vielen politischen Umbrüche war das für uns ein ideales Biotop". Das besetzte Bürgerhaus Stollwerck, heute das größte Kulturzentrum von Nordrhein-Westfalen, bildete einen Kristallisationspunkt. Hier entstand eine Art Subkultur. Viele Konzerte fanden statt, unter anderem traten die Drei Tornados auf, eine Anarcho-Kabarettgruppe. "Man ging mit dem Schlafsack hin und konnte hinterher einfach dort übernachten. Das war eine Zeit, in der man mitmischen konnte, ein schönes Grundgefühl", erinnert sich Becker.
Zu der Zeit entstanden auch viele Kneipen. Jürgen Becker und seine Kommilitonen – Studenten der Sozialarbeit an der Fachhochschule – hielten sich meist im Spielplatz auf, einer Kneipe am Ubierring, die heute noch viele Studenten anzieht. Hier fanden auch seine ersten Auftritte statt, damals mit dem Kabaretttrio 3Gestirn Köln 1, später mit seinem Soloprogramm Biotop für Bekloppte.

Begonnen hat alles an der Fachhochschule Köln, wo Becker Sozialarbeit studierte. Mit dem Kölner Spielezirkus, einem Sozialarbeiterprojekt für Kinder in Brennpunktvierteln, sind er und seine Kommilitonen über Land gezogen. Als es Winter und zu kalt dafür wurde, gründeten sie 1984 die legendäre Kölner Stunksitzung, eine alternative Karnevalssitzung, die bis heute ein großer Erfolg ist. Als Präsident der Stunksitzung hat Becker seine Leidenschaft fürs Kabarett entdeckt. Seit 1991 ist er als Solokabarettist in ganz Deutschland unterwegs. "Ich mache mehr inhaltliche Sachen, nicht so sehr Comedy", beschreibt Becker seinen Stil. Seine Programme basieren meist auf Geschichte – Stadt-, Kultur- oder Religionsgeschichte – in die er aktuelle politische Ereignisse einbaut, wie in seinem Programm Da wissen Sie mehr als ich – das Mysterium des rheinischen Kapitalismus, mit dem er seit 1998 unterwegs ist. Bei seiner Arbeit lässt er sich von Zeitungsartikeln und Büchern inspirieren, am liebsten im Café Römerpark in der Südstadt: "Arbeit liegt mir nicht so. Wenn ich im Café Römerpark sitze, habe das Gefühl, ich hätte Freizeit".

Bekannt ist Jürgen Becker auch als Moderator von Mitternachtsspitzen, einer Live-Sendung im Westdeutschen Rundfunk, die er gemeinsam mit seinen Kabarett- Kollegen Herbert Knebel und Wilfried Schmickler gestaltet. Die Sendung ist benannt nach einem Film von Doris Day, in dem es allerdings mehr um Unterwäsche als um die politische Obrigkeit geht.
Gefragt nach seiner Einschätzung, ob die Südstadt durch den Umbau des Rheinauhafens zu einem Wohn-, Einkaufs-, und Kulturzentrum einen kulturellen Aufschwung erleben könnte, sieht Becker auf jeden Fall eine Veränderung auf das Viertel zukommen, da viele wohlhabende Menschen zuziehen werden. Ihm wäre es aber lieber, wenn auch erschwingliche Mietwohnungen entstehen würden, so dass sich die Bevölkerungsschichten mischen können. "In der Südstadt war es ja eine Zeitlang sogar umgekehrt, sie wurde als zu alternativ empfunden. Dazu hat Richard Rogler in seinem Programm Freiheit aushalten einen super Satz gemacht: 'Schwulsein in New York, das kann heute jeder, aber ganz normal in der Kölner Südstadt – darin liegt die Herausforderung.'"

Wenn es in der Südstadt auch keine Subkultur wie zu Beckers Studienzeit mehr gibt, Südstädter unterstützen auch gern Subkulturelles in anderen Kölner Vierteln: So ist es auf eine Initiative unter anderem von Becker und Elke Heidenreich zurückzuführen, dass Franz Meurer, ein engagierter katholischer Pfarrer aus Höhenberg/Vingst, im Jahre 2002 zum "alternativen Ehrenbürger der Stadt Köln" ernannt wurde. Franz Meurer – laut Becker ein "kleiner Sozialrevolutionär" – hat in den Stadtteilen Höhenberg und Vingst ein soziales Netzwerk aufgebaut und leistet beeindruckende Arbeit. Künstler aus der Südstadt haben ihn dabei mit verschiedenen Programmen unterstützt, etwa mit architektonischer Arbeit, Lesungen von Elke Heidenreich und Martin Stankowski oder Stadtrundfahrten für die Mitarbeiter. Es wird also weiter mitgemischt.
Judith Jensen
Links
www.juergen-becker-kabarettist.de - Die Website von Jürgen Becker