Bunte Südstadt – wie kommst du zu deinen Farben?

"Chlodwischplatz!“ scheppert es aus dem Lautsprecher der Straßenbahnlinie 16 in unverkennbar kölschem Ton. Die Türen öffnen rasch, und schon steht man mitten im Herzen der Südstadt. Es herrscht reger Fußverkehr. Menschen schlendern durch die kleinen Gassen und Einkaufsstraßen, die vom Chlodwigplatz wegführen. Sie sitzen in Cafés, kaufen Blumen bei Van Dorne oder Teilchen in der alteingesessenen Konditorei Brockma oder trinken ein Kölsch, wo man Kölsch trinkt: in der urigen Eckkneipe Früh em Veedel.

Die Banken, großen Drogerien und Bäckereifilialen teilen sich die besten Plätze mit kleinen Läden - der Severinsgrill gehört hier ebenso zum Straßenbild wie der Kiosk Centrum oder der Kramladen Euromarkt. Und auch der Kran, der vor dem Severinstor in den Himmel ragt, als Teil der größten Baustelle Kölns, an der die neue Stadtbahn-Linie entsteht, gehört mittlerweile irgendwie dazu. So verschieden, wie die Geschäfte sind auch die Menschen, die hier leben und arbeiten: da sind Reiche und Arme, Gebildete und Kulturinteressierte, und natürlich auch Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, wie Obdachlose oder Kleinkriminelle.

Die Südstadt ist bunt und vielseitig und bietet Platz für jeden. Doch das war nicht immer so. Es brauchte vier Jahrzehnte, bis das Viertel zu dem wurde, was es heute ist. Und dabei durchlief die Südstadt eine Entwicklung, die nicht immer frei von Konflikten war.

Em Quartier

Mit der Industrialisierung hatten sich zwischen Rhein und Severinstor viele kleine Unternehmen angesiedelt, denen bald die dazugehörige Bevölkerung folgte- bestehend aus Arbeiter und Handwerker. Es entstand, wie Fritz Sack in seinem Aufsatz „Stadtgeschichte und Kriminalsoziologie“ beschreibt, ein „marginalisiertes Quartier“ mit einer sehr dichten Wohnbebauung, die keinen Platz für Parks und Grünanlagen ließ.

Im Zweiten Weltkrieg vom Bombenhagel nahezu verschont, änderte sich an der Struktur der Südstadt auch in den 50er und 60er Jahren wenig. In der Südstadt lebten zunehmend ältere Menschen und auch ausländische Bürger, auf den Nachzug junger Haushalte wartete man jedoch vergeblich. Denn neben den fehlenden Erholungsmöglichkeiten war auch die Infrastruktur- personeller, institutioneller und materieller Art- nicht ausreichend. Ebenfalls mangelte es an Kindergärten, Schulen oder Altenheimen. Selbst in den Wohnungen sah es nicht besser aus: Bäder und Toiletten befanden sich oft auf dem Gang, Balkone und Gärten suchte man vergeblich. Entsprechend günstig waren die Mieten, was in Verbindung mit der Rheinlage und der zumindest äußerlich durchaus attraktiven Altbauarchitektur nicht mehr lange unbemerkt blieb.

Es regt sich was

Vor allem Künstler und Studenten waren es, die das Viertel in den 70er Jahren für sich entdeckten. Mit dem Wiederaufbau der Kölner Werkschule, die schon 1879 als Kunstgewerbliche Abteilung der Gewerblichen Fachschule der Stadt Köln gegründet worden war, bildete sich nach und nach eine neue Szene.

Fachbereiche wie Architektur, Malerei, Graphik und Plastik zogen Kreative an, die die Zukunft der Südstadt maßgeblich mitbestimmen sollten. Denn mit ihnen wehte ein neuer Wind in den Straßen und Gassen des Veedels und eine neue Ära brach an: Sie sanierten, modernisierten – noch ganz unbemerkt von der Bevölkerung – und brachten neue Konzepte mit.

So starteten Mitte der 70er die Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK), alternative Lebens-, Wohn- und Kulturformen zu verwirklichen. Sie besetzten Häuser am Salierring und zu den Künstlern und Studenten gesellten sich Alternative und Individualisten, die neue, oft politisch motivierte Ideen mitbrachten. Rainer Kippe, einer der Mitbegründer des SSK, erklärte in einem Interview mit dem Magazin Contraste im November 1996: “Wir hatten breite Unterstützung in der Öffentlichkeit bis hin zu Heinrich Böll. Wir kämpften für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch einen Wert und jeder Mensch seine Lebenschancen, seine Freiheit und seine Entwicklungschancen hat und natürlich auch Arbeitsmöglichkeiten.“ Einen ähnlichen Versuch starteten 1980 rund 600 Menschen, die das zum Abriss freigegebene Stollwerckgebäude besetzten, um dort eine Kultur- und Wohnkommune zu etablieren.

Mit den neuen Bewohnern kam auch eine neue Infrastruktur in die Südstadt, denn die Bedürfnisse der Menschen im Veedel änderten sich. Cafés und Kneipen sprossen aus dem Boden, Restaurants eröffneten, neue Geschäfte, Galerien und Theater suchten sich einen Platz inmitten des bunten Treibens. Eines dieser Theater war das legendäre „Theater der Keller“, zuvor in Lindenthal beheimatet, mit dem das Schauspielerehepaar Marianne Jentgens und Heinz Opfinger in die Südstadt zogen. In der Kleingedankstraße 6, nahe der Ulrepforte, fand es ein neues Zuhause, ebenso wie eine Vielzahl von Künstlern, denen das Theater Raum zur Verfügung stellte.

Der strukturelle Wandel und das neue Nachtleben im Künstlerviertel Südstadt ließ das Interesse am bisher unscheinbaren Arbeiterquartier steigen. Das Südstadtviertel war plötzlich in, und Menschen aus Köln und dem Umland wollten nicht nur die Kultureinrichtungen und Kneipen besuchen, sie wollten inmitten des bunten Publikums leben. Was einst als trostlos und grau wahrgenommen wurde, galt nun als schick. Gentrifizierung nennt man diese Entwicklung, die man nicht nur in der Südstadt beobachten konnte. 1964 prägte die Londoner Soziologin Ruth Glass den Begriff, der eine Form der Stadterneuerung beschreibt, bei der es zur Verdrängung einer statusniedrigen Bevölkerungsgruppe durch Besserstatuierte kommt.

Denn die Erneuerung der Südstadt hatte nicht nur Vorteile. Nachdem die Pioniere-die Künstler und Studenten- das Wohngebiet unbewusst und unbeabsichtigt für die Gentrifizierung erschlossen hatten, wurden die ersten sogenannten Gentrifier auf das Viertel aufmerksam: Personen mit einem überdurchschnittlich hohen Einkommen. Dadurch stiegen automatisch die Mieten an. Dies zwang die ursprünglichen Bewohner – meist alte Leute und Arbeiter – in vielen Straßen und Gassen zur Aufgabe ihrer Wohnung.

Mutter Stadt sieht ihre Kinder

Nicht nur die Gentrifier, und mit ihnen Investoren und Immobilienspekulanten, hatten Interesse an der aufblühenden Südstadt. Auch die Stadt Köln bemerkte, was sich in ihrem Süden entwickelt hatte. Sie beschloss nach Untersuchungen Ende der 70er Jahre ein Sanierungskonzept. Es sollte die „Erhaltung und Stärkung des Severinsviertels als relativ preisgünstiges Wohngebiet mit hoher funktionaler Mischung, gemischter Sozialstruktur und typischem Mileu und Stadtbild“ garantieren. Familien mit Kindern sollten hier genauso ihren Platz, und damit ein neues Zuhause finden können.

Und tatsächlich gelang es in weiten Teilen, die gemischte Sozialstruktur zu erhalten, wenn viele Pioniere auch verdrängt und viele Straßenzüge so lange saniert wurden, bis sie ihr ursprüngliches, liebenswertes Gesicht endgültig verloren hatten. Vielerorts wurden Häuser abgerissen, wenn sich die Renovierung nicht mehr zu lohnen schien und auch das alte Stollwerck-Gebäude musste Neuem weichen.

Die Pioniere, vor allem die Kommunen, die sich für neue Lebensformen entschieden hatten, sollten weichen, um Platz für die Ultragentrifier zu machen. Damit sind gutbetuchte, risikoscheue Zuzügler der zweiten Generation gemeint. In den Folgejahren werden im gesamten Viertel weitreichende Sanierungen durchgeführt, fehlende Sozialeinrichtungen gebaut, Verkehrstraßen beruhigt und Spielplätze geschaffen.

Erneut vollzog sich ein Wandel in den Straßen der Südstadt, denn die Ansprüche der neuen Bewohner verlangten nach anderen kulturellen und gastronomischen Möglichkeiten. Viele Szene-Kneipen wurden durch moderne In-Lokale ersetzt, die nicht mehr auf Kleinkunst und niedrige Preise setzten. Und auch die, die sich behaupten konnten, passten ihr Angebot der neuen Nachfrage an. Selbst das urige Chlodwigeck, eine der typischen Kölner Kneipen, die einst außer Kölsch kaum etwas zu bieten hatten, setzte Mitte der 80er Frühstück auf die Karte.

Et es wie et es

Heute gilt das Südstadtviertel als eine der beliebtesten Ecken Kölns. Auch wenn der allgemeine Mietspiegel mit dem der Gründerzeit in den 70ern nicht mehr zu vergleichen ist. Es gibt aber immer noch günstigere Nebenstraßen, die es auch der alten Dame von Nebenan, dem einfachen Arbeiter und dem nicht-etablierten Künstler ermöglichen, im Schatten des Severinstors zu leben. Beamte und Selbstständige fanden in den modernisierten Straßenzügen ein neues Zuhause, und so ist das Veedel bunter denn je.

Baufällige Häuser, fade Mietskasernen und Hinterhöfe wichen modernen Neubauten mit liebevoll angelegten Grünflächen, Wintergärten und Spielplätzen. Parkanlagen sind nur wenige Fußminuten entfernt und die Straßenbahn schafft bereits heute, vor der Fertigstellung der Nord-Süd Stadtbahn, eine schnelle Verbindung zur Innenstadt.

Es ist der Kraft der Pioniere zu verdanken, dass heute noch der karrierebewusste Großstädter, der Student, der türkische Arbeiter und der kölsche Kraat beim gleichen Bäcker Brötchen und am gleichen Büdchen die Tageszeitung kaufen.

Catriona Schellack

*Küppers, Rolf: Gentrification in der Kölner Südstadt. In: Gentrification: Therorie und Forschungsergebnisse / Jürgen Friedrichs, Robert Kecskes (Hrsg.) . Opladen: Leske + Budrich 1996, S. 133-165

* Sack, Fritz: Eine historisch soziologische Analyse abweichenden Verhaltens. In: Stadtgeschichte und Kriminalsoziologie / Ludz, Peter Christian (Hrsg.). 1972: Soziologie und Sozialgeschichte. Sonderheft 16 der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie". Opladen: Westdeutscher Verlag. 623 Seiten. S. 357-385