SSK – denn die Häuser gehören uns

Salierring Nr. 41 - die Geburtstätte des SSK

"Hier renoviert der SSK ohne Auftrag der Stadt Köln." Vor allem in den 70er und 80er Jahren zierte dieser Spruch zahlreiche Häuserwände und signalisierte: Dieses Haus ist besetzt.
Entstanden ist der SSK 1969 unter dem Titel "Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln". Zu diesem Zeitpunkt gab es in Köln mehr als 1.000 obdachlose Jugendliche. Eine Gruppe Pädagogikstudenten wollte diesen Jugendlichen, die von zu Hause oder aus dem Heim geflohen waren, eine Alternative zum Leben auf der Straße anbieten. In ihrer Wohngemeinschaft im Salierring 41 gaben sie den Heimzöglingen einen Zufluchtsort.

Bald kam es zu Auseinandersetzungen mit der Stadt Köln. Die wollte den Verein nur unterstützen, wenn sich die SSKler an bestimmte Auflagen hielten. Das Projekt drohte zu scheitern. Schließlich verzichteten die Studenten und Jugendlichen auf die staatlichen Gelder, besorgten einen Lastwagen und finanzierten ihr Projekt durch Entrümpelungsarbeiten selbst. Aus den "Sozialpädagogischen Sondermaßnahmen" wurde die "Sozialistische Selbsthilfe".

Aber nicht nur die Häuser am Salierring waren vom Abriss bedroht. Die ganze Stadt, vor allem das Severinsviertel, war in den 70ern Kahlschlagsanierungen ausgesetzt.

Neben der Betreuung von obdachlosen Jugendlichen wurde so der Kampf gegen die Sanierung ein weiterer Bestandteil im Aufgabenfeld des SSK. Versicherungskonzerne wie die Gothaer und die Allianz kauften in den 70ern im Hansaviertel ganze Straßenzüge auf. Die einst billigen Wohnungen wurden runderneuert und als teure Appartements oder Büroräume vermietet. Aus manchen Häusern, die zum Abriss vorgesehen waren, wurden die Mieter mit dubiosen Methoden vertrieben. 32.000 Altbauten standen 1976 in Köln leer. Der SSK und viele andere mehr oder weniger organisierte Bewegungen besetzten deshalb verschiedene Häuser für weitere SSK-Gruppen oder, wie Thomas vom SSK es ausdrückt, "nicht-privilegierte" Wohnungssuchende.  Am Salierring wurde die "Wohnraum-Verteidigungs-Initiative", später "Wohnraum-Rettungs-Gesellschaft", gegründet. "In den 70er und 80er Jahren waren in Köln zeitweise knapp 100 Häuser besetzt", schätzt Thomas.

Das nächste Hindernis: Die Immobilienfirma Citygrund kaufte den Altbau am Salierring, um ihn mitsamt den Nachbarhäusern abreißen zu lassen. Statt den Gebäuden aus der Vorkriegszeit sollte dort ein schicker, moderner Bürokomplex entstehen. Den Bewohnern im Haus wurde der Mietvertrag gekündigt. Der SSK gründete eine Mieterinitiative, sammelte 1.100 Unterschriften von Nachbarn gegen den Abriss. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt wurde die Abrissgenehmigung zurückgezogen. Rolf Stärk, ein damaliger Freund und Unterstützer des SSK, kaufte das Haus und stellte es dem Verein zunächst zur Verfügung.

Die Hausbesitzer wehrten sich natürlich mit Händen und Füßen. Oft endeten die Besetzungen mit massivem Polizeieinsatz, Baggern und Abrissbirnen. Meist ging der Protest der Besetzer dann in der Innenstadt weiter. 1977 wurde zeitweise sogar der Dom besetzt. Einige Spekulanten versuchten, einer Hausbesetzung vorzubeugen. So berichtet die Zeitung "kumm erus!", die Gothaer habe leerstehende Häuser vorsorglich zumauern lassen. Die Besetzer wussten sich zu rächen und mauerten kurzerhand das Portal der Gothaer zu.

Heute sind die wilden Zeiten vorbei. Besetzte Häuser sind in Köln längst nicht mehr die Regel. Das Haus am Salierring, das Rolf Stärk später wieder verkaufte, gehört inzwischen dem SSK selbst. Um nicht aus dem Haus geworfen zu werden, blieb ihm nämlich nur diese Notlösung: Kaufen. "Besetzen hat mehr Spaß gemacht", schreibt ein Mitglied auf der Website des Vereins. Und: "Die Zeiten haben sich geändert – aber sie werden nicht so bleiben."

Stefanie Jooß