"Macht Stollwerck zum Bollwerk!"

Pfingsten 1980. In Köln herrscht Krieg – wenn auch nur in der Südstadt: Stadtverwaltung gegen 500 Hausbesetzer. Die wollen den Abriss der Schokoladenfabrik Stollwerck mitten im Severinsviertel verhindern.

Stollwerck-Besetzung, Köln, Severinswall, 20. Mai 1980 © Fotografie Eusebius Wirdeier, DGPh*

Baufällige Häuser, triste Hinterhöfe, Wohnungen ohne Toilette, Bad oder Heizung: Dass im kölschesten aller Kölner Viertel etwas getan werden musste, stand für die Stadt schon Anfang der 70er fest. Angriffspunkt Nummer eins: das Stollwerck. Der Betonklotz mitten in der Südstadt soll abgerissen werden, um Platz für neue Wohnhäuser zu schaffen.

Für knapp 40 Millionen Mark kauft die Stadt dem Besitzer die Fabrik samt Gelände ab. Über das weitere Schicksal des Stollwercks soll ein Ideenwettbewerb entscheiden. Ein mit international renommierten Architekten besetztes Preisgericht erklärt die Planungsgruppe "dt8" aus Köln zum Sieger. Deren Plan: 60 Prozent des Fabrikgebäudes sollen abgerissen, der Rest umgebaut werden.

Doch die "Arbeitsgemeinschaft Wohnen im Stollwerck" und die "Bürgerinitiative Südliche Altstadt", kurz BISA, sind damit überhaupt nicht einverstanden. Sie wollen das Fabrikgebäude mit aller Gewalt komplett erhalten. Das gesamte Stollwerck soll zu Wohnungen umgebaut werden, fordern sie. Die Strategie der BISA ist denkbar einfach: Mit einer Musterwohnung will sie beweisen, dass ein Abriss unnötig ist. Die Sympathie der linken Szene ist der BISA sofort sicher: "Stollwerck: 500 Wohnungen frei! Einziehen! Selbst ausbauen! Drin bleiben!" fordert die linke Zeitung "Schauplatz" in ihrer ersten Ausgabe auf.

Die Stadtverwaltung hat den Braten zwar gerochen, aber sämtliche Eingriffe seitens der Stadt sollten sich im Verlauf des Geschehens entweder als nutzlos oder als zu spät erweisen, schreibt Engelbert Greis im Buch "Die Stollwerck Story". Die BISA dagegen macht gleich Nägel mit Köpfen und organisiert ohne städtische Genehmigung eine Versammlung im Stollwerck. Der Saal in der Fabrik ist hoffnungslos überfüllt mit Menschen aller Couleur – BISA-Mitgliedern, Obdachlosen, Streitlustigen und Alternativen. Von da an läuft das Projekt wie von selbst. Wer gekommen ist, will sich eine eigene Wohnung bauen und bleiben. "Die Begeisterung war wirklich groß", erinnert sich der Architekt Professor Stephan Görner im Buch "Was war los in Köln?". "Endlich ging es um etwas ganz Konkretes, etwas direkt vor der eigenen Haustür – nicht um die Revolution oder um die Veränderung des Universums."

Für Sonntag, 27.April 1980, lädt die BISA zu einem großen Wohnungsbau-Fest aufs Stollwerck-Gelände ein. Wer kann und will, soll mithelfen, die Musterwohnungen zu bauen. Es gibt Würstchen und Bier, Limonade und Kuchen. Ob aus Überzeugung oder purer Neugier – von Nah und Fern zieht es Menschen in die Fabrik, um zu feiern und zu bauen.

Als sich das Fest seinem Ende neigt, ahnt noch niemand etwas von den Folgen der Feier. Ein Kind aus der Nachbarschaft, der 13-jährige türkische Olgun Osman, wird vermisst. Am Sonntagnachmittag hatte seine Mutter ihn das letzte Mal gesehen. Er hatte sich zuhause 50 Pfennig geholt, um auf dem BISA-Fest ein Würstchen zu kaufen. 30 Stunden später findet man ihn tot. In den ungesicherten Fabrikhallen war Olgun in einen 15 Meter tiefen Aufzugschacht gestürzt und auf einen schweren Eisenträger aufgeschlagen.

Nach diesem Ereignis zieht die Stadt die Notbremse. Sie ordnet den sofortigen Baustopp an. Am 21. Mai sollen die Bagger anrücken und das Stollwerck abreißen.

Die Mitglieder der BISA erkennen den Ernst der Lage und sind wieder einmal schneller als die Stadt. Geschlossen ziehen sie in die ehemalige Schokoladenfabrik. Bis Mitternacht sammeln sich dort rund 600 jugendliche Besetzer. Sie verbarrikadieren die Eingangstore mit Holzbalken und Mauersteinen. Die Polizei ist machtlos gegen die Eindringlinge. Sie kann das 55.000 Quadratmeter große Gelände nicht so einfach abriegeln, schreibt Greis.

So rollen die bestellten Bagger und Lastwagen zwar im Morgengrauen an, aber die Schar der Besetzer ist zu groß. Dass es so einfach werden würde, hatten selbst die größten Optimisten unter ihnen nicht gedacht. Während die Stadt immer noch auf einen friedlichen Abzug der Besetzer hofft, richten die sich dauerhaft im Stollwerck ein.

Was sich wirklich hinter den Mauern der alten Fabrik abspielt, weiß niemand genau. Bis sich Rolf Reinlassöder, ein junger Redakteur der Kölnischen Rundschau, unter die Besetzer mischt. "Was er dort in Gesprächen erfuhr, was er selbst miterlebte, ist beängstigend", heißt es später im Artikel der Rundschau. Eine Frau soll mitten in den Stollwerck-Räumen vergewaltigt worden sein. Die Besetzer hätten darauf kurzerhand Selbstjustiz geübt und den Täter krankenhausreif geschlagen. Der Redakteur berichtet von Hunden, die aufgeschlitzt im Keller liegen, von Einbrüchen in die Lagerhäuser und Diebstählen.

Die Besetzer, die Wochen vorher in die Räume einzogen waren, um die Fabrik vor dem Abriss zu bewahren, seien, berichtet der Redakteur, längst in der Minderheit. Bei den meisten Fabrikbewohnern vermutet er andere Motive: Sei es ein Dach über dem Kopf, Ruhe vor den "Grünen" oder die Tatsache, dass es "nachts immer recht lustig zugeht".

Die Verantwortlichen von der BISA sind sich der miserablen Bedingungen im Stollwerck durchaus bewusst. Aber sie trauen sich nicht, die Leute hinauszuwerfen. Mit Maßnahmen wie striktem Alkoholverbot in den Gebäuden versuchen sie, die Lage wieder in den Griff zu bekommen, berichtet die Kölnische Rundschau. Aus Angst vor der Gewalt verlassen viele das Stollwerck freiwillig. Die gesamte Besetzung droht von innen zusammenzubrechen.

Der Rest vom Stollwerck ist jetzt ein Kulturzentrum

Anfang Juli halten sich nur noch 100 Jugendliche in den Gebäuden auf. Die Polizei geht davon aus, die Fabrik endlich ohne Probleme räumen zu können. Doch soweit kommt es gar nicht. In der Nacht zum 6. Juli formulieren die Besetzer ein Verhandlungspapier. Sie fordern den Weiterbau der Musterwohnungen, die Gründung eines Kulturzentrums in der Fabrik, Zurücknahme der Strafanzeigen und Unterbringung der Obdachlosen. Dafür versprechen die Besetzer im Gegenzug, bis Sonntag, 6. Juli 1980, um 16.00 Uhr das Stollwerck-Gelände zu verlassen.

Die Stadt ist einverstanden, aber traut dem Frieden nicht ganz. Mit mehreren Hundertschaften rückt am Sonntag die Polizei an, um für alle Zwischenfälle gewappnet zu sein. Doch alles läuft friedlich ab. Bereits eine Stunde früher als geplant, um 15 Uhr, ist das Stollwerck komplett geräumt.

Erst als die ersten Abrissfahrzeuge mit Polizeischutz eintreffen, proben einige ehemalige Besetzer erneut den Aufstand. Sie fordern die Polizei über Megaphon auf, sofort das Gelände zu verlassen, sonst würden sie stürmen. Vor der Fabrik setzen sie Möbelstücke in Brand. So aufsehenerregend der Kampf um Stollwerck begonnen hatte, sollte er auch enden.

Ganz beendet aber war die Geschichte von Stollwerck 1980 noch nicht. Der größte Teil der Stollwerck-Fabrik wurde damals zwar abgerissen, aber zwei große Räume, Annosaal und Maschinenhalle, blieben bis 1987 erhalten. Bis zu ihrem Abriss waren sie Schauplatz zahlreicher künstlerischer, musikalischer und theatralischer Aktionen. "Das Stollwerck-Gelände war ein Ort der Begegnung zwischen vielen Menschen, ein Ort der künstlerischen und gesellschaftlichen Experimente, an dem man zumeist kostenfrei oder für wenig Geld mit neuen Strömungen unterschiedlichster Art konfrontiert wurde", erzählt der Kölner Fotograf Eusebius Wirdeier.

Heute ist das Bürgerhaus Stollwerck das Kulturzentrum der Südstadt. Früher stand der rote Backsteinbau aus dem Jahre 1906, der ursprünglich als preußisches Proviantamt diente, in direkter Nachbarschaft zur Schokoladenfabrik. Jetzt erinnert nur noch sein Name so manchen Alteingesessenen an die Zeiten, als es noch im ganzen Viertel nach Schokolade roch.

Stefanie Jooß

*Erstveröffentlichung der Fotografie in: Eusebius Wirdeier und Wolfgang Niedecken, noh un noh - Texte und Fotografien aus Köln, Emons Verlag, Köln 1996

Quellen:

Greis, Engelbert: Die Stollwerck-Story

Kirst, Michaela und Marcel Steuermann: Was war los in Köln 1950-2000

Dokumentation der Stollwerck-Besetzung auf www.koeln1.tv