

Die Bezeichnung Südstadt sucht man auf einem Kölner Stadtplan vergeblich. Wer von der Südstadt spricht, muss genau genommen zwischen Altstadt-Süd und Neustadt-Süd unterscheiden.
Diese Begriffe sind nicht nur Bezeichnungen aus der städtischen Bürokratie, sondern haben vielmehr ihren Ursprung in der historischen Entwicklung. Sieht man den Verlauf des Rings zwischen Ulrepforte und Bayenturm als Grenze, so trennt sie die Jahrhunderte, die zwischen Altstadt und Neustadt liegen. Die Geschichte der Südstadt beginnt im frühen Mittelalter um 950. Sie ist aber auch gleichzeitig Teil der Entwicklung Kölns von der römischen Kolonie bis hin zur modernen Großstadt, weshalb sich ein Rückblick in die Zeit bis vor 2000 Jahren lohnt.
Die Eburonen, die auf der linken Rheinseite lebten, wurden 54 v. Chr. von römischen Soldaten überfallen und bis auf den letzten Mann getötet. Die Ubier, die auf rechtsrheinischer Seite siedelten, erhielten von Caesar im Jahr 50. v. Chr. die Erlaubnis auf die nun freie Fläche überzusiedeln. Unter dem Feldherrn Agrippa gründeten sie das Oppidum Ubiorum (Ort der Ubier). Aus dem Oppidum wurde im Jahr 50 n. Chr die Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium, benannt nach der Frau des Kaisers Claudius, die Agrippina hieß. Die römischen Bürger begannen unmittelbar mit dem Bau einer vier Kilometer langen Mauer, die die etwa einen Quadratkilometer große Stadt vor Überfällen schützen sollte. 953 wurde der östliche Teil der Mauer jedoch wieder abgerissen. Der Rheinarm, der durch die heutige Altstadt verlief, wurde zugeschüttet und die Fläche bis zum Rheinufer mit den Handelsplätzen Heumarkt und Altermarkt in die Stadt integriert.Bis ins frühe Mittelalter (10./11. Jahrhundert) entwickelte sich Köln schnell zu einer florierenden Handelsstadt, in der Waren aus aller Welt verkauft wurden.
Die Südstadt kam ins Spiel. Das außerhalb der römischen Mauer entstandene Siedlungsgebiet um St. Georg (am heutigen Waidmarkt) wurde im Zuge der zweiten Stadterweiterung 1106 durch Wall und Graben geschützt und an die Stadt angeschlossen. Durch die dritte Stadterweiterung 1180 wurde Köln, mit einer Fläche von 400 ha und 20.000 Einwohnern, zur größten deutschen Stadt des Mittelalters. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich bis ins 14. Jahrhundert auf 40.000. Die dazugewonnene Fläche umfasste große Klöster wie St. Severin und Felder für die Landwirtschaft.

Der Bau der mittelalterlichen Stadtmauer, die bis ins Ende des 19. Jahrhunderts die Grenzen der Stadt bestimmen sollte und deren Überreste heute noch zu sehen sind, begann. Die Mauer hatte 13 Torburgen (zum Beispiel die Severinstorburg) und 52 Türme und diente zur Verteidigung der Stadt. In der Südstadt verlief sie parallel zum Ring, der erst 700 Jahre später gebaut wurde, zwischen Ulrepforte und Bayenturm entlang des Kartäuser- und des Severinswalls. Die Bezeichnung Wall erinnert noch an diese Befestigung. Der südliche Verlauf der Mauer bildet heute die Grenze der Altstadt-Süd zur Neustadt-Süd. Rund um Köln befand sich nun gerodetes Land, da es im Mittelalter für die Verteidigung wichtig war, dass sich Feinde nicht unbemerkt nähern konnten.

Auf dem Wiener Kongreß (1815) wurde das Rheinland, und damit auch Köln, den Preußen zugesprochen. In den folgenden Jahren wurde die Stadt zur größten Festungsstadt des preußischen Westens ausgebaut und diente so dem Kampf gegen Frankreich. Die mittelalterliche Mauer wurde instand gesetzt und die Klöster in Kasernen umgewandelt. Etwa 700 Meter vor der mittelalterlichen Stadtmauer entstand ein Ring aus elf Forts. Das Fort I im Friedenspark in der Nähe der Fachhochschule wurde um 1830 im Rahmen dieser Baumaßnahme errichtet. Vor den Forts wurde ein ringförmiger Rayon, ein freies Schussfeld, mit einem Kilometer Breite eingerichtet. Die Bebauung dieses Rayons war streng verboten. Der Ausbau Kölns zur Festungsstadt beeinflusste die weitere Entwicklung der Stadt erheblich. Er hemmte in den nächsten 50 Jahren die Industrialisierung, schnürte die Stadt ein und bot keinen ausreichenden Platz zur Ausdehnung. Die Einwohnerzahl Kölns war in den Jahren 1816 bis 1880 von 54 000 auf über 144 000 gestiegen. Das wäre eine erfreuliche Bilanz gewesen, hätten die Kölner nicht immer enger zusammenrücken müssen. Im preußischen Köln lebten die Bürger so eng wie heute in der Innenstadt Berlins. Die Industrialisierung drohte am eingeschlossenen Köln vorbeizugehen und damit den Wohlstand und Reichtum in die aufstrebenden Vorstädte, darunter auch Bayenthal, zu bringen.
Aufgrund neuer Waffentechniken war es im 19. Jahrhundert möglich, mit entsprechenden Geschossen eine Distanz von 6000 Metern zurückzulegen. Die Stadtmauer hätte also im Falle eines Angriffs keinen ausreichenden Schutz mehr geboten. Für 12 Millionen Mark kaufte die Stadt 1880 vom Preußischen Staat die Festungsanlage und die freie Fläche des ehemaligen Schussfeldes. Denkmalschutz stand seinerzeit in Köln ebensowenig auf der Tagesordnung, wie die Möglichkeit, die Stadt zu erweitern ohne die Mauer zu zerstören. Von einem Volksfest begleitet wurde am 11. Juni 1881 das erste Loch in die 700 Jahre alte Stadtmauer gesprengt. Nur wenige Tore und Teilstücke blieben nach der Schleifung der Mauer erhalten. In der Südstadt sind die Ulrepforte, die Bottmühle, der Bayenturm und die Severinstorburg vom Abriss verschont geblieben.
Für den Bau der Neustadt, die freie Fläche zwischen Altstadt und Eisenbahn, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Der damalige Stadtbaumeister Josef Stübben gewann und begann unmittelbar mit dem Bau der Ringe. Nach dem Vorbild der Pariser Boulevards und den Ringstraßen von Wien und Antwerpen sollte in Köln eine Prachtstraße entstehen. Sternförmige Plätze wie der Chlodwigplatz und der Babarossaplatz entstanden. Das Bild des neuen Boulevards wurde durch Baumreihen, Brunnenanlagen, Denkmäler und prachtvolle Bauten bestimmt. Neben privaten Bauten entstanden in kürzester Zeit auch öffentliche Prunkstücke, wie das Rautenstrauch-Joest-Museum am Ubierring.
Im zweiten Schritt dieser vierten Stadterweiterung wurden am 1. April 1888 Bayenthal, Zollstock und zahlreiche Vororte wie Ehrenfeld, Kalk und Nippes eingemeindet. Der Bevölkerungsdruck in der immer enger werdenden Altstadt hatte sich außerhalb der bebauungsfreien Zone in den Vororten Luft gemacht, die Industrie blühte und Arbeitersiedlungen waren entstanden. Was für Ehrenfeld das Glaswerk war, war für Bayenthal das Wasserwerk. Das gesamte Stadtgebiet vergrößerte sich mit der Eingemeindung um 900 Prozent und machte Köln schlagartig zu einer der flächenmäßig größten Städte Deutschland.
Sarah-Simone Kramp
Klein, Adolf: Köln im 19. Jahrhundert, Von der Reichsstadt zur Großstadt
Dietmar, Carl: Kleine illustrierte Geschichte der Stadt Köln (J.P. Bachem Verlag; 2001)
Limmer, Hans u. Hildegard: Geh mit mir duch Köln (J.P. Bachem Verlag; 1981)