
Seit 2001 versuchen die Macher von RheinEnergie Köln Basketball nach nordamerikanischen Maßstäben in der Domstadt zu etablieren. Die Ausgangslage in der sportverwöhnten Stadt ist denkbar ungünstig – aber der Pokalsieger der letzten beiden Jahre kann sich auf seine Legionäre und Amiaz verlassen.

„Amiaz, noch ein Autogramm“. Ein kleiner Fan hat sein Idol am Rande des Spiels von RheinEnergie Köln gegen die Artland Dragons gestellt. Amiaz wirkt erschöpft, schreibt aber trotzdem fleißig Autogramme und lächelt dabei. Auch für einen kleinen Plausch mit den Fans reicht es trotz heiserer Stimme noch.
RheinEnergie Köln, der Verein der 2001 quasi aus dem Nichts heraus Spitzen-Basketball in Köln zu einer Renaissance verhelfen sollte, gewinnt sein Heimspiel in der BBL gegen die Artland Dragons relativ ungefährdet mit 80:64. Auch Amiaz hat seinen Teil zu diesem Sieg beigetragen – ohne dabei einen Ball in die Hand genommen zu haben.
US-Legionäre verzaubern Publikum
Ermias Habtu, wie der in Eritrea geborene Amiaz bürgerlich heißt, ist der Hallensprecher der Kölner und somit ein wichtiges Mosaik in der Vermarktungsstrategie des jungen Vereins. Als Vorbild für die deutschen Teams fungiert dabei die nordamerikanische Profiliga NBA, die mit ihrem alljährlichen Spektakel riesige Hallen füllt und Milliardenumsätze erwirtschaftet. Bis man in Deutschland in diese Dimensionen vorstößt ist es noch ein weiter Weg. Amiaz soll, so wollen es die Verantwortlichen der Kölner, dem Publikum die Show auf dem glänzenden Parkett näher bringen.
Für das Spektakel auf dem Feld sorgen fast ausschließlich US-amerikanische Legionäre. Zu schlecht für die NBA, dominieren sie die BBL fast nach Belieben und zeigen dabei, dass schnelles und erfolgreiches Spiel mit einer guten Show nicht unvereinbar sind. Michael Jordan, Immanuel McElroy und Titus Ivory stecken, so ist nun einmal der Trend in der NBA, in viel zu großen Hosen und tragen ein mindestens ebenso großes Selbstbewusstsein vor sich her. Es wird posiert, der Gegner angeblafft und Schiedsrichter-Entscheidungen gestenreich kommentiert – der Zuschauer bekommt einen Einblick in das seelische Auf und Ab der Basketball-Diven. Dass sie sich diese Extravaganzen erlauben können, zeigt ein Blick in die Statistik, auf die im Basketball viel Wert gelegt wird.

McElroy lässt es krachen
Am Ende des Spiels haben Michael Jordan und Immanuel McElroy jeweils stolze 19 Punkte auf ihrer Scorecard angesammelt. Der wendige Jordan, im Laufe der Saison von den Dragons entlassen und von RheinEnergie dankbar aufgenommen, legt McElroy kurz vor Spielende noch einen spektakulären Pass auf, den dieser mit einem wuchtigen Dunking in den Korb abschließt. Die Fankurve der Kölner steht Kopf, Amiaz Stimme überschlägt sich, um kurz darauf den erfolgreichen Spieler mit einem lang gezogenen Einwurf im Stile eines Box-Moderators abzufeiern.
Titus Ivory’s Ausbeute ließt sich mit „nur“ neun Punkten etwas weniger eindrucksvoll. Für Amiaz und die Kölner Fans ist der Publikumsliebling unersetzlich. „Titus will den Fans ein Lächeln ins Gesicht zaubern“, kommentiert der 28-jährige Hallensprecher die Bedeutung des US-Amerikaners, der es immerhin schon einmal in das Summercamp eines NBA-Teams schaffte und dem die Nähe zum Fan offensichtlich ein echtes Bedürfnis ist. Minuten nach dem Spiel klatscht er noch die Fans ab und hüpft zu deren Trommelrhythmen ausgelassen durch die Halle.

Den gut 350 mitgereisten Anhängern der Artland Dragons ist nicht zum Feiern zumute. Die Niederlage schmerzt, die lange Rückreise nach Quakenbrück liegt noch vor den Fans. Aus Quakenbrück, einer kleinen Stadt in der Nähe von Osnabrück, kommen nämlich die Artland Dragons. Ein derart provinziell anmutender Name wie Quakenbrück schien den Verantwortlichen aber wohl doch als zu große Hypothek, also benannte man sich nach der Gemeinde (Artland) und würzte diesen Namen mit einem netten Anglizismus – schon klingt alles nach großer Basketballbühne. Eine einfache Rechnung.
Aber so recht wollen auch die Dragons-Fans nicht in Vermarktungskonzepte der Ligaverantwortlichen passen. Vieles erinnert eher an des Deutschen Lieblingskind, den Fußball. Da wird gebrüllt, Schals geschwenkt und im 4/4 Takt auf den Pauke gehauen. Amiaz, der die Fans mit „We will rock you“ von Queen in einer Auszeit aus der Reserve locken will, hat seine liebe Mühe den Rhythmus gegen das stereotype Trommeln der Quakenbrücker zu verteidigen. Dabei wird eines überdeutlich: Der Basketball in Deutschland ist noch weit vom amerikanischen Vorbild entfernt. Vieles erinnert noch an die Neunziger Jahre, als der rheinische Rivale der Kölner, die Basketballer von Bayer Leverkusen in der Wilhelm-Dopatka-Halle Meisterschaften en masse feierten. Die Kölner wollen auch Meisterschaften feiern, aber vor allem wollen sie regelmäßig in der mondänen Köln-Arena spielen, die erst aus einem beeindrucken Basketball-Spiel eine Show macht und dem Verein ganz nebenbei höhere Zuschauereinnahmen in die Kassen spült.

Ausverkaufter EnergyDome
Amiaz kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Er soll den Fans den Ton vorgeben, die Begeisterung kanalisieren und den Basketball in Köln weiter voranbringen. Und er ist auf einem guten Weg. Die Zuschauerzahlen steigen, der EnergyDome ist gegen die Artland Dragons mit 3.200 Fans ausverkauft. Für die Kölnarena reicht das noch nicht. Aber der Gegner aus Quakenbrück hat trotz der Namens-Maskerade eben nicht die überregionale Strahlkraft wie Alba Berlin oder den Reiz eines Lokalrivalen wie Leverkusen oder Bonn. Bis auch gegen die vermeintlich kleinen Gegner ein volles Haus garantiert ist, wird der smarte Amiaz weiter seinem Job nachgehen und die Fans vom Aufwärmen bis zur Nachberichterstattung durch das Abenteuer Basketball begleiten, hat dabei aber ein Ziel vor Augen: „Mein Job und die ganze Animation bei RheinEnergie wäre dann zu Ende, wenn die Fans das alles von sich aus machen“.
Von Arne Henkes