
Er war ein Star - im beschaulichen Quakenbrück und in der gesamten Basketball-Bundesliga. Seine Artland Dragons führte er ins Oberhaus, mit seinen Fans quatschte er beim Bäcker. Sie liebten ihn und ließen ihn bei Aldi an der Kasse vor. Doch vor Saisonstart verbreitete sich eine Nachricht wie ein Lauffeuer: Michael Hakim Jordan soll gefeuert worden sein, nach einer Tätlichkeit im Training gegen Mitspieler Marko Bulic.

Das Kapitel "MJ in Quakenbrück" war abrupt beendet, er ging für drei Monate nach Lettland – im Dezember wechselte er zu RheinEnergie Köln. Mit seinem neuen Team traf er am Samstag (21.01.06) auf die ehemaligen Mitspieler um Marko Bulic und die Fans aus Quakenbrück.
Gegen die alten Kameraden
Er betritt als letzter Spieler der Starting-Five den Court. Michael Hakim Jordan - im Trikot von RheinEnergie Köln. Sekunden vor Spielbeginn streift er es über, dazu das rote Stirnband. Der erste ehemalige Mitspieler, der ihm über den Weg läuft, ist Marko Bulic. Beide umarmen sich. Nach dem Spiel wird Jordan sagen: "Es ist nichts mehr zwischen uns. Das haben die Medien nur aufgebauscht." Und auch Bulic wird sich zu den Vorfällen vor der Saison äußern: "Es gab einen kleinen Kampf, aber das ist vorbei."
Auch die Quakenbrücker Fans begegnen Jordan zum ersten Mal nach dessen Entlassung. Vereinzelte Pfiffe sind zu hören, ein paar Stinkefinger zu sehen, ein paar Fans klatschen - der Großteil der 400 mitgereisten Fans nimmt Jordans Auflaufen eher teilnahmslos hin. Ihm schlägt kein Hass entgegen, sondern Respekt. "Die Sache ist für uns gegessen und abgehakt. Wir sind nicht nachtragend", sagt Nils Ostermöller, der Vorsitzende des Quakenbrücker Fanclubs Dragonfire. Vor wenigen Monaten war er noch "ihr Michael Jordan", doch er heuerte bei dem Verein an, den die meisten Dragons-Fans hassen.

Quakenbrücker Hass auf Köln
In der Saison 2000/2001 verloren die Artland Dragons das entscheidende Spiel um den Aufstieg in die Bundesliga gegen Rhöndorf, das nicht die finanziellen Mittel für einen Aufstieg besaß. "Köln hat dann Rhöndorf die Lizenz abgekauft und konnte so die zweite Liga überspringen, also direkt von der Regionalliga in die erste Liga. Kleine Vereine wie die Artland Dragons dagegen müssen sich sieben bis acht Jahre durch die zweite Liga quälen", kritisiert Ostermöller das Abtreten der Rhöndorfer Lizenz an die Kölner. Dadurch gab es in Köln wieder Bundesliga-Basketball zu sehen - der Zweitplatzierte aus Quakenbrück dagegen verblieb in Liga zwei.
Audio: Nils Ostermöller über Basketball in Quakenbrück [mp3; 288 kb; 0:24 min]
Aufstieg mit MJ
Der Aufstieg gelang Quakenbrück erst zwei Jahre später, in der Saison 2002/2003. Denker und Lenker im Team war Michael Hakim Jordan. "Er war immer der Kopf in Quakenbrück. Ohne ihn wären wir niemals aufgestiegen", sagt Ostermöller. Im ersten Bundesliga-Jahr wurden die Playoffs knapp verpasst, in der letztjährigen Saison war im Playoff-Viertelfinale Schluss. Das Team aus der niedersächsischen 13.000-Einwohner-Stadt Quakenbrück hatte sich in der BBL etabliert - und dann kam es zum Krach um Spielmacher Michael Jordan und Topscorer Marko Bulic.

Michael Jordans Entlassung
Am 16. Oktober 2005 erklärten Geschäftsführer Marko Beens und Headcoach Chris Fleming, dass Jordan massiv gegen die Grundsätze und Prinzipien der Artland Dragons verstoßen habe. "Fakt ist, dass Michael sich um die Artland Dragons verdient gemacht hat wie kaum ein anderer Spieler. Es tut weh, eine Stütze und einen Sympathieträger wie ihn zu verlieren, besonders jetzt zum Saisonstart. Auf Michaels Wunsch werden wir über die Details Stillschweigen bewahren. Gleichwohl wissen wir, dass das den Wissensdurst der Öffentlichkeit nicht stillt", so die beiden Verantwortlichen.
Gerüchte im Internet-Forum
Die Gerüchteküche unter den Fans begann zu brodeln. Im Internet-Forum der Artland Dragons wurde wild spekuliert, beleidigt und kritisiert. User "fred" schrieb: "Das geht auch anders, meine Herren von der Führungsetage: Da müssen einige noch einiges lernen. Eins ist sicher. Morgen gibt´s ne Scheiß-Stimmung in der Halle. Denn wir Fans wissen, was Michael für die Dragons getan hat." Ein anderer User, "Trin Tragula" hielt sich mit Kritik zurück: "Hier werden ja überall ganz schön schwere Geschütze aufgefahren. Ihr müsst ja alle prima Informationen haben - ich leider nicht. Ich bezweifle, dass die Dragons MJ fristlos entlassen, wenn nicht irgendetwas vorgefallen ist, was eine Weiterbeschäftigung unmöglich macht."
Audio: Nils Ostermöller über den Star Michael Jordan [mp3; 480 kb; 0:40 min]

"Werde es vermissen, ein Dragon zu sein"
Das Herz des Teams musste Quakenbrück verlassen, die Fans waren geschockt. Jordan verabschiedete sich im Internet-Forum: "Es wurde eine Entscheidung gefällt und wir alle müssen damit leben und weitermachen. Ich hege keinen Groll gegen das Team oder das Management. Alles geschieht aus einem Grund. Vielleicht ist es so das Beste. Ich werde es vermissen, ein Dragon zu sein und ich werde es vermissen, in Quakenbrück zu spielen und zu leben."Jordan unterschrieb in Lettland bei BK Ventspils, kehrte aber schon im Dezember in die BBL zurück. "Als er dann aber nach Köln ging, war ganz vielen klar: 'Da fahr ich hin'. Einerseits, um MJ zu danken. Andererseits ist er leider zum meistgehassten Club der BBL gegangen. Pech gehabt", sagte Nils Ostermöller.
MJ zeigt Extraklasse gegen Ex-Kameraden
Aber wer hat jetzt Pech gehabt? Jordan oder die Artland Dragons? Zum einen hat Michael Jordan das Pech, dass er nicht mehr bei den Artland Dragons spielt und nicht mehr von vielen Quakenbrücker Fans geliebt wird. Zum anderen haben aber auch die Artland Dragons das Pech, einen Spieler wie Jordan nicht mehr in ihren eigenen Reihen, sondern gegen sich zu haben. Mit 19 Punkten bei einer Wurfquote von 80 Prozent und sechs Assists zeigte er gegen seine Ex-Kameraden eine überragende Leistung (Endstand: 80:64). "Ich muss ihn heute hervorheben. Er hat unser Spiel kontrolliert und war immer in der Lage, seine Mitspieler gekonnt in Szene zu setzen", sagte Kölns Trainer Sasa Obradovic nach dem Spiel. Nach dem Spiel wird auch Dragonfire-Vorsitzender Nils Ostermöller wieder an die Qualitäten von Michael Jordan erinnert: "Er hat heute genau das gezeigt, was er bei uns in Quakenbrück gezeigt hat. Er kann aber noch besser." Nach dem Spiel bedankte sich Jordan für die Unterstützung seiner neuen Kölner Fans: "Es ist Wahnsinn, auf das Spielfeld zu kommen und einen so großen Rückhalt zu haben." Diesen Rückhalt hatte er auch in Quakenbrück, doch dann zerstörte er in eigener Regie sein Glück und das seiner Fans durch die Auseinandersetzung mit Marko Bulic.
Von Dennis Hölzenbein