
Auch Online-Redakteure brauchen Nachwuchs: Dem Trend zur Kinderlosigkeit entgegen, haben drei Studentinnen das Abenteuer gewagt und sich der Doppelbelastung von Studium und Kind zugetraut. Hier erzählen sie in einem Interview von ihren Erfahrungen.

Ihr lebt alle schon mit Kind(ern). Ist die Entscheidung in dieser Situation das Studium Online-Redakteur anzufangen leicht gefallen?
Catriona: Ein klares Nein. Ich war 28, hatte gerade eine Weiterbildung im Bereich Online Publishing gemacht und saß beim Online-Jugendmagazin lizzynet.de als Praktikantin in der Redaktion. Wie jeden Morgen verfasste ich die News für den Tag. Während meiner Recherche stieß ich auf einen Artikel über die FH Köln: Ein neuer Studiengang ab 2003: Online-Redakteur. Es gab einen triftigen Grund, der mich schnell entscheiden ließ: Die Bewerbungsfrist sollte in drei Tagen enden. In einer Hau-Ruck-Aktion habe ich sämtliche Unterlagen durchwühlt, um in Kürze alles für die Anmeldung zu finden. Zeitgleich zog ich in eine winzige, aber bezahlbare Wohnung und pendelte jeden Morgen vom Noch-Wohnsitz Rodenkirchen zum Kindergarten nach Sülz, zur Arbeit nach Nippes und am Nachmittag das Programm zurück. Ich hatte keine wirkliche Vorstellung, wie das funktionieren sollte, sollte ich tatsächlich genommen werden. Und dann kam das Ja und damit die Fragen, wie alles finanziert und zeitlich unter einen Hut gebracht werden kann… Mein Sohn war gerade fünf geworden.
Ute: Klares Ja. Ich war auf der Suche nach einer Zusatzqualifikation. Viele Kurse in der beruflichen Weiterbildung kosten ein Vermögen, die Studiengebühren dagegen waren mit ca. 150 Euro pro Semester eher harmlos. Nach meiner Berufspause brauchte ich dringend aktuelle Kenntnisse, denn der IT-Markt hat sich in den letzen Jahren stark verändert.
Dorothee: Als ich meine Bewerbung abgeschickt habe, wusste ich noch gar nichts von meiner zukünftigen Tochter. Erst zwei Wochen danach hatte ich einen positiven Schwangerschaftstest. Als dann auch noch der Zulassungsbescheid kam, wollte ich mir die Chance nicht entgehen lassen. Ich habe einfach alles auf mich zukommen lassen. Ich hatte aber auch Sorge, dass beides zusammen nicht zu bewältigen ist.

Wie habt ihr die Kinderbetreuung während des Studiums geregelt bekommen?
Ute: Ohne eine Betreuung für die Kinder geht gar nichts. Mein jüngstes Kind wurde gerade fünf, als ich mit dem Studieren anfing. Für ihn hatte ich einen Platz in der Kindertagesstätte (KITA) bei mir im Ort. Die Öffnungszeiten von 7:30 bis 17:00 Uhr decken sich nicht mit den Vorlesungszeiten an der FH, plus Fahrzeiten und Stau. Die nächste Schwierigkeit liegt darin, dass Kinder ja nicht automatisch liebend gerne stundenlang in der fremden Einrichtung bleiben. Manch einen Morgen wurde ich mit dem ganzen Repertoire an Protesten konfrontiert und konnte mich dann in der Vorlesung nicht wirklich auf das Fach konzentrieren.
Die Offene Ganztagsschule, Grundschule mit Nachmittagsbetreuung, kam im Sommer 2006 gerade richtig. Die Grundschule geht sonst von 8:00 bis max. 13:00 Uhr. Der letzte Schulbus fährt mittags. Danach muss ich oder jemand anderes das Kind mit dem Auto abholen, also spätestens um 17:00 Uhr an der Schule sein.
Und dann wären da noch die Schulferien und diverse Schließungszeiten. Die Zeiten decken sich nicht mit den Semesterferien und ich muss immer wieder improvisieren.
Dorothee: Wir haben das große Los gezogen und einen Betreuungsplatz in einer altersgemischten Kleinkindgruppe einer städtischen Tageseinrichtung bekommen. Ab August 2006 hatten wir dort den Platz und im September ging dann das Studium weiter. Wenn ich nachmittags Unterricht habe, dann übernimmt mein Lebensgefährte die Betreuung, als Selbständiger kann er sich die Arbeitszeit frei einteilen. Zu Stoßzeiten, wie anstehende Klausuren oder Abgabetermine oder wenn mein Lebensgefährte Termine hat, springen auch schon mal andere ein, meine Mutter zum Beispiel.
Catriona: Ehrlich? Es war ein einziger Eiertanz – von Beginn an. Selten war der Stundenplan Mutter-Kind-tauglich. Ich wusste nur eins: Egal wie, ich muss es schaffen. Oft hat mich die Organisiererei drum herum den letzten Nerv gekostet – bis hin zur Verzweiflung war alles dabei. Ein lieber Mitstudent hat mich oft angestuppst und gesagt: „Hey, du schaffst das, du bist gut, das ist dein Ding, mach weiter, höre nicht auf!“ Nachts konnte ich nicht schlafen, weil ich mir schon den Kopf über den nächsten Tag zerbrach. Denn Oma und Opa wohnen und wohnten weit weg, der Vater des Kindes ebenfalls und ein soziales Netz als solches gab es noch nicht. Oft stahl ich mich vorzeitig aus Vorlesungen, ging später oder nahm meinen Sohn mit zu selbigen. Manchmal ging ich während der Vorlesungen in den Fluren der FH telefonierend auf und ab: Wer kann diesmal wann und wo meinen Sohn abholen? Und lernen? Ja, das lernen, vorbereiten, schreiben, arbeiten für die FH, all das passierte in erster Linie spät abends oder nachts, wenn der Kleine schlief, gekocht, gewaschen und eingekauft war. Ich glaube, ich war einfach nur dauermüde. Aber ich war so dankbar für diese Chance, dass ich mir immer wieder gesagt habe, dass ich das durchziehe. Und stolz war ich auch, wenn wieder eine Klausur gut bestanden war, obwohl das Lernen förmlich ausfiel, weil wieder einmal das Kind krank war. An gemeinsame Aktivitäten mit anderen Studenten war selten zu denken. Etwas, was ich hin und wieder doch sehr vermisst habe. Es gehört einfach dazu, diese gewisse Unbeschwertheit während der Studienjahre. Irgendwie fühlte es sich bei mir ernster an.

Gibt es Vorteile am „Studieren mit Kind“?
Dorothee: Man ist von den Studiengebühren befreit. Das finde ich einen sehr großen Vorteil.
Catriona: Ja. Die gibt es. Wenn du dich in einer solchen Situation zum Studium entscheidest, dann willst du es auch mit vollem Herzen! Du kämpfst, du weinst, du rackerst, du rennst, du freust dich ohne Ende über kleine Erfolge und ganz besonders darüber, dass du studieren darfst – dir diese Chance gegeben wird. Die Wertschätzung ist ganz klar eine andere. Ich bin heute noch glücklich darüber, dass ich studieren durfte – bewusst durfte!
Ute: Der große Vorteil am Studieren liegt in den langen Semesterferien. Wenn ich arbeiten gehen würde, hätte ich nur etwa 30 Urlaubstage zur Verfügung, damit kann ich die vielen Schulferien nicht abdecken. Ist eines meiner Kinder mal krank und es kann nicht in die KITA / Schule gehen, na dann gehe ich einfach nicht zur Vorlesung. Fatale Auswirkungen hat es nur, wenn ich an dem Tag eine Präsentation halten oder eine Klausur schreiben muss oder die Anwesenheitspflicht wichtig ist. Planbar sind diese Ausfallzeiten nicht.
Wie ist der Alltag mit Studium und Kind zu schaffen, worauf kommt es an?
Ute: Es geht tatsächlich nur mit Unterstützung vom Partner, die Kinder müssen mitziehen, die Verwandtschaft ist im Notfall einsatzbereit. Wir haben eine super Nachbarschaft, alles Familien mit Kindern und wir wechseln uns mit dem Aufpassen ab. Bei fünf Familienmitgliedern stehen auch fünf Terminkalender auf dem Plan, da ist auch mal Improvisieren gefragt. Aber das Durchhalten hat sich gelohnt.
Der Studiengang Online-Redakteur ist für Studieren mit Kind ganz gut geeignet, da es um Online-Arbeiten geht: Ich kann mich jederzeit von zuhause oder unterwegs mit WLAN ins Netz einloggen, arbeiten, recherchieren, kommunizieren. Dann, wenn ich Zeit habe: Zwischen Aufräumen, Wäsche waschen, Einkaufen und Kochen, nachmittags vom Spielplatz, spät abends, wenn die Kinder im Bett sind, manchmal finde ich Zeit am Wochenende oder im Urlaub vom Strand und von der Skihütte. Ohne Internet wäre für mich Studieren wohl nicht möglich. Ich würde mir noch mehr Lehrmaterialien im Netz wünschen.
Dorothee: Auf einen Partner und eine Familie, die hinter dir und dem was du machst, steht. Ohne Unterstützung geht es nicht. Eine geregelte, zuverlässige Kinderbetreuung und vor allem auch auf ein gutes Zeitmanagement. Früher habe ich Vieles vor mir hergeschoben. Das geht heute nicht mehr. Die Zeiten in denen ich fürs Studium arbeiten kann, sind sehr begrenzt. Die muss ich dann einfach nutzen. Im Privaten bleibt dabei aber leider schnell was auf der Strecke, ich habe wenig Zeit mich mit Freunden zu treffen. Ich tröste mich dann damit, dass das Studium in absehbarer Zeit zu Ende ist und irgendwann auch wieder Zeit für andere Dinge ist. Man muss das Studium wirklich wollen und Spaß daran haben. Sonst hält man den Stress nicht durch.
Catriona: Alltag?! Kein Tag ist wie der andere. Ich glaube, er – dieser All-Tag – ist nur zu schaffen, wenn man höchst dankbar ist für das, was man hat. Egal, wie schwer es auch sein mag. Ich glaube, die wichtigsten Schlagworte sind: Flexibilität, Bescheidenheit, Humor, Dankbarkeit und eine Menge Gelassenheit. Und niemals das Ziel aus den Augen verlieren. Ich glaube, ich habe oft auch einfach nur funktioniert, besonders wenn es um Haushalt, Wäsche, Einkauf, Kinderarzt, Organisiererei ging. Und ganz wichtig war für mich immer und ist es auch heute noch: Ich betrachte meine Situation und mache das in meinem Rahmen Bestmögliche – einfach das Optimum rausholen und nicht nach hinten schauen, nicht zweifeln und schon gar nicht mit anderen vergleichen. Denn die haben „es“ anders.
Wie hat sich das Praxis-Semester organisieren lassen?
Catriona: Erstaunlich gut. Vielleicht lag es auch daran, dass ich schon im Bewerbungsgespräch klar meine privaten Grenzen aufgezeigt habe und auch, in welchem Radius ich mich zeitlich bewegen kann. Klares Auftreten hat mir tatsächlich geholfen. Zum anderen denke ich aber auch, dass der WDR hier einfach auch offene Ohren hatte.
Ute: Da hatte ich echt Schiss vor, aber es hat super geklappt. Glücklicherweise habe ich eine interessante Praktikumstelle bei mir in der Nähe gefunden – kurze Fahrtzeit und strategisch gut gelegen, das sparte mir viel Zeit und ich war für die Kinder immer erreichbar.
Dorothee: Das steht mir erst noch bevor.
Was würde das Studieren mit Kind einfacher machen, bzw. was macht es schwierig?
Ute: Ganz wichtig für mich ist das Handy. Meine Kinder können mich so im Notfall immer erreichen. Deshalb würde ich mich freuen, wenn das Handy in Vorlesungen als ganz normales Hilfsmittel für "Studierende mit Kind" zugelassen wird.
An der FH ist es ungewöhnlich, dass Kinder mitgebracht werden. Als Mutter ist es aber normal, seine Kinder überall mitzunehmen. Ich würde es mir wünschen, wenn Kinder gelegentlich zur Vorlesung mitgebracht werden könnten oder wenn es einen Raum oder eine Spielecke in der Nähe des Vorlesungsraumes geben würde, der für Kinder geeignet wäre. Vielleicht lässt sich ein anderer Student als Babysitter für die Zeit der Vorlesung anheuern.
Dorothee: Schwierig finde ich die Termine am späten Nachmittag oder frühen Abend. Die kann ich nur einhalten, weil mein Lebensgefährte keine festen Arbeitszeiten hat. Wer diese Unterstützung nicht hat, muss auf teure Tagesmütter oder Babysitter zurückgreifen. Wenn es kurzfristige Terminänderungen gibt, komme ich auch schon mal ins Schleudern. Aber bisher war es auch kein Problem, wenn ich dann mal nicht kommen konnte. Da haben die Dozenten auch Verständnis für gezeigt.
Catriona: Oha. So vieles. Vor allem aber ein Kindergarten vor Ort. Einer, der Öffnungszeiten hat, die die Kernzeiten des Stundenplanes abdecken. Und vor allem auch für über Vierjährige. Zu meiner Zeit gab es das nicht. Ich konnte meinen Sohn nicht mehr in der FH-Krippe anmelden, da er schon fünf war. Ich musste so immer durch die halbe Stadt fahren. Das kostet viel zusätzliche Zeit.
Flexiblere Stundenpläne für Mütter die studieren, denn der Druck ist so schon groß genug.
Längere Vorbereitungszeiträume für studierende Mütter während der Prüfungen, denn die reine Lernzeit kürzt sich extrem ab: Oft kommt Krankheit und anderes rund ums Kind dazwischen und man versucht nur noch durch die Prüfungen zu kommen, weil einfach kein Raum zum Lernen blieb.
Vorlesungen nach 17 Uhr sind äußerst schwierig und indiskutabel für Mütter. Es ist so schon schwierig genug zu organisieren, aber wenn es hieß, dass wir am Spätnachmittag noch diese oder jene Vorlesung hatten, trieb es mir den Angstschweiß auf die Stirn.
Vielleicht wäre alles etwas leichter gewesen, wenn es einen Partner dazu gegeben hätte. Hat es aber nicht. Wie gern hätte ich auch mal etwas außer FH-Technisches gemacht. Und wie oft saß ich da und war einfach nur noch müde. Müde von dieser Organisiererei. Nicht müde vom Studium. Und erst recht nicht müde von meinem Kind.
Wie gelingt die Finanzierung des Studiums?
Dorothee: BAFöG bekomme ich nicht, dafür aber eine regelmäßige Unterstützung von meiner Mutter. Mein Lebensgefährte hat sich erst vor drei Jahren selbständig gemacht. Da kommt das Geld immer unregelmäßig rein. Aber es kommt und irgendwie geht es immer. Jetzt ist gerade das Auto kaputt gegangen. Das ist dann schon hart.
Catriona: Oha. Nächste Baustelle. Ja da gibt es nicht viel aufzuzählen: BAFöG-Höchstsatz und keinen Cent mehr, ob zu zweit oder allein spielte keine Rolle. Dazu Kindergeld und Unterhalt des Vaters für meinen Sohn. Das war es. Keine 1000 Euro im Monat. Und davon musste alles finanziert werden. Ich hätte noch arbeiten gehen müssen, damit es wenigstens für etwas mehr als nur das Allerallernötigste reicht. Aber die Frage nach dem wann, erübrigt sich, oder!?
Ute: Wir kommen mit einem Verdiener gut über die Runden. Inzwischen habe ich, neben dem Studium und den Kindern, einen 400 € Job. Die zusätzlichen Einnahmen investiere ich zum Teil in die Ausstattung: Digitalcamera, Laptop, Mikrofon... Einen Nebenjob in einer Online-Redaktion kann ich jedem Studierenden nur empfehlen.
Habt ihr länger gebraucht für das Studium als die vorgesehenen sechs Semester?
Dorothee: Im ersten Semester war ich ja noch schwanger. Nach der Geburt von Hanna habe ich dann erst mal zwei Urlaubssemester beantragt und mich elf Monate lang ganz um sie gekümmert. Seit dem Wiedereinstieg hat sich bisher aber nichts mehr nach hinten verzögert. Ich hoffe, das bleibt so.
Catriona: Nein. Und darüber bin ich so unsagbar stolz!
Ute: Bis zum 6. Semester bin ich ganz gut durchgekommen, doch jetzt muss ich ein Semester dranhängen. Die Monate Dezember und Januar sind immer heftig, da Klausuren und Abgabetermine fürs Studium anstehen und für die Family die Weihnachtszeit, Feiern, Ferien und natürlich der Endspurt für die Zeugnisse anstehen. Im kommenden Semester nehme ich also die Bachelorarbeit in Angriff.
Wie geht es nach dem Studium weiter?
Ute: Ich freue mich darauf wieder arbeiten zu gehen. Ein Full-Time-Job ist anfangs sicherlich nicht möglich, lieber ruhiger anfangen und mit zunehmender Routine aufstocken.
Dorothee: Weiß ich noch nicht. Ich möchte gerne viel von zuhause aus arbeiten können. Da wird sich sicher was finden lassen.
Catriona: Wie vorher auch. Nur anders: Organisiererei auf nächster Ebene und ein neuer Eiertanz mit der guten Zeit. Vielleicht etwas eleganter. Es wird mich jedoch nie davon abhalten, an meinem Ziel festzuhalten: Als Online-Redakteurin zu arbeiten – und zwar in Vollzeit.
Nicht nur die Studierenden mit Kind können Interessantes aus ihrem Studienalltag berichten. In einem weiteren Erfahrungsbericht erzählt Nadine Reuter, wie sie sich nach zwei Semestern an der FH eingelebt hat. Der Absolvent Sascha Ormanns blickt nach sechs Semestern zurück auf die Zeit des Studiums und wagt den Blick nach vorn in die Zukunft.