Joseph Alois Schumpeter
Der universalgelehrte Weltbürger in der Renaissance
Der Sozialökonom Schumpeter wird von Biographen auch als Universalgelehrter bezeichnet und gilt als Weltbürger, der zwar seinen Ursprung in der Österreichischen Schule hatte, aber keinem Dogma wirklich zuzuordnen ist. Er ging in seinen wissenschaftlichen Werken auf fast jeden Aspekt der ökonomischen Theorie ein. Hierbei kam ihm zu gute, dass er mit den Theorien der meisten bis dahin existierenden Ökonomen vertraut war. Zu Lebzeiten stand er im Schatten des Sozialökonoms John Maynard Keynes, erst in den 1980er Jahren erfuhren seine Theorien eine Renaissance, die bis heute anhält.
Leben
Joseph Alois Schumpeter wurde am 8. Februar 1883 als einziges Kind des Tuchfabrikanten Alois Schumpeter und dessen Frau Johanna in der damalig österreich-ungarischen Kleinstadt Triesch geboren. Mit vier Jahren verlor er seinen Vater und seine Mutter heiratete 1893 den deutsch-ungarischen Feldmarschall Sigismund von Kéler.
Durch die dadurch entstandene Zugehörigkeit zur aristokratischen Gesellschaft war es Schumpeter vergönnt, ab 1893 das Elitegymnasium Theresianum in Wien zu besuchen, das als Vorstufe für eine Karriere im Staatsdienst galt. Im Jahre 1901 schloss er seine Ausbildung dort mit Auszeichnung ab, um direkt im Anschluss Rechtswissenschaften an der Wiener Universität zu studieren.
Nach seiner Promotion 1906 folgte ein dreijähriger Aufenthalt am internationalen Gerichtshof in Kairo. In dieser Zeit verfasste er sein erstes nennenswertes sozialökonomisches Werk, “Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie“. Nach seiner Rückkehr und seiner Habilitation im Jahre 1909 folgte auf Wirken seines Mentors und Freundes Eugen von Böhm-Bawerk die Berufung als Dozent an die Universität in Czernowitz. Ab 1911 unterrichtete er an der Universität Graz, an der er, mit einer Unterbrechung von zwei Jahren als Austauschprofessor an der Columbia University, bis 1919 einen Lehrstuhl innehatte. In dieser Zeit erschien auch sein zweites wissenschaftliches Werk: “Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. 1919 kehrte er der Wissenschaft den Rücken und übernahm für sechs Monate das Amt des Finanzministers der Republik Österreich und anschließend das Amt des Präsidenten der Wiener Biedermann Bank. Allerdings waren diese Beschäftigungen wenig erfolgreich, so dass er sich 1925 in den akademischen Lehrbetrieb zurückkehrte und einen Lehrstuhl an der Bonner Universität im Bereich der Finanzwissenschaft annahm. Ab 1932 bis zu seinem Tod 1950 wirkte er an der Harvard University in Cambridge. Dort verfasste er zwei weitere Werke sozialökonomischen Denkens: “Business Cycles” und sein Hauptwerk “Capitalism, Socialism and Democracy“. Erst nach seinem Tod wurde sein letztes Werk veröffentlicht: “History of Economic Analysis“.
Grundzüge der wirtschaftstheoretischen Auffassung
Schumpeter ging von einem stationären Wirtschaftssystem aus, d.h. einem in sich stillstehenden System, das auf der Reproduktion von verbrauchten Gütern und Dienstleistungen aufbaut.
Konjunkturzyklen
Dieses Gleichgewicht wird periodisch durch wirtschaftsfremde, aber hauptsächlich durch wirtschaftliche Faktoren gestört, die einen Konjunkturzyklus kreieren. Diese Zyklen bestehen aus Krise, Depression, Belebung, Aufschwung und treten in drei unterschiedlichen Formen auf.

Als erstes führte Schumpeter hier die “lange Welle” an. Sie entsteht durch eine einschneidende Neuerung, wie z.B. die Einführung der Dampfmaschine oder die Elektrifizierung, die zu grundlegenden Änderungen des wirtschaftlichen Prozess führen. Der Einfluss dieser Neurungen auf das wirtschaftliche Gleichgewicht kann auf bis sechs Jahrzehnte ausgedehnt sein. Diese “langen Wellen” werden von den etwa neun bis zehn Jahre dauernden “Juglar-Zyklen” überlagert, welche wiederum vermischt mit den “40-Monate-Zyklen” auftreten. Letztere sind allerdings eher umstritten, da ihre Existenz nur sehr schlecht bis gar nicht nachweisbar ist. Jeder dieser Zyklen entsteht, nach Schumpeter, durch die Initiierung einer bestimmten Neuerung.
Schöpferische Zerstörung
Zu diesen Neuerungen zählte Schumpeter fünf Innovationsfaktoren: Herstellung eines neuen oder überholten Gutes, Einführung einer neuen Produktionsmethode, die Erschließung eines neuen Absatzmarktes, die Gewinnung einer neuen Bezugsquelle für Ressourcen oder Halbfabrikate und die Durchführung einer Neuorganisation des jeweiligen Marktes. Diese Faktoren bewirken eine “schöpferische Zerstörung” von alten Begebenheiten und forcieren eine mehr oder weniger stark einschneidende Neuausrichtung der Wirtschaft.
Der Innovator
Als Initiator sah Schumpeter den innovativen Unternehmer, der es schafft, durch eine Neuerung ein Monopol zu errichten und damit einen Aufschwung erzeugt. Irgendwann treten die Imitatoren, also nachahmende Unternehmer, auf den Markt, der sich so mit der Zeit ausgleicht. Dies leitet eine Krise ein, die in der Depression endet.
Hierbei sah Schumpeter den Kapitalismus als wirtschaftstreibende Kraft. Kredite von Banken an Unternehmer, seien Voraussetzung für innovative Unternehmer überhaupt erst tätig zu werden. Ansonsten hätten sie keine Möglichkeit, kurzfristig finanzielle Mittel aufzubringen, um ihre neuartigen Ideen umsetzen zu können.
Theorie zum Ende des Kapitalismus
Schumpeter sah einzig durch die kapitalistische Wirtschaftsform die Chance, in möglichst kurzem Zeitraum möglichst große wirtschaftliche Ziele zu erreichen, um somit das Lebensniveau der Allgemeinheit anzuheben. Trotz dieser enthusiastischen Äußerungen prophezeite Schumpeter dem Kapitalismus ein baldiges Ende. Allerdings kommt dieses nicht, wie von Marx diagnostiziert, durch einen gewaltsamen Umsturz des Systems zustande, sondern geschieht fließend. Ursprung für beide Theorien bildet die selbstzerstörerische Kraft, die dem Kapitalismus zu Grunde liegt. Hier führte er zur Untermauerung vor allem den Verlust des sozialen Bezuges der Menschen zu den jeweiligen Unternehmen auf. Durch die steigende Abstraktion des Verhältnisses zwischen Angestellten und Konzern, durch das Einsetzen von kapitalorientierten Führungskräften und somit den Verlust des eigentlichen Unternehmergeistes, untergräbt der Kapitalismus immer weiter seine eigene Basis. Dazu kommt, dass durch Monopolisierung und Industrialisierung und der damit verbunden Reduzierung der Arbeitsplätze immer mehr Menschen ihre Arbeit verlieren. Es bildet sich auf Grund des hohen Lebens- und Bildungsstandards eine Riege arbeitsloser Intellektueller, die es schafft, bei der restlichen arbeitslosen Masse Unmut gegenüber dem kapitalistischen System zu schüren. Diese Zustände und die Monopolisierung der Wirtschaft sah Schumpeter als Voraussetzung eines Wandels zu einem sozialistischen Gesellschaftssystem.
Sozialismus
Den Wandel hin zum Sozialismus ist nach Schumpeter zwar nicht zwingend, aber eine logische Folgerung. Hierbei vertrat er im Gegensatz zu der damalig weit verbreiteten Meinung der Undurchführbarkeit des Sozialismus die Auffassung, dass dieser sehr wohl umgesetzt werden könne. Jedenfalls wenn der Kapitalismus seinen gesellschaftshistorischen “Auftrag” erfüllt und die Voraussetzungen für den Sozialismus geschaffen hat.
Schumpeter stellte somit Bedingungen an die Existenzfähigkeit des Sozialismus, die zur damaligen Zeit aber nicht erfüllt seien. Hinzu kommt, dass er in der Sozialisierung der Gesellschaft einen ökonomischen Verlust gegenüber dem kapitalistischen System sah, da dieses wirtschaftlich produktiver arbeitet. Trotzdem gesteht er dem sozialistischen System auch Vorteile – wie Beseitigung der Arbeitslosigkeit oder Einsparung von Verlustarbeit – zu. Seiner Ansicht nach geht die Verwaltung der Produktionsmittel im Sozialismus von einer Zentralbehörde aus, die das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht herstellt und einhält. Unter anderem sollten die Bereiche der Großindustrie, der Banken, des Verkehrswesens und der Versicherungen seiner Auffassung nach staatlicher Kontrolle unterstehen, was den Vergleich mit dem staatsmonopolistischen Kapitalismus erlaubt.
Ansichten zur Demokratie
Im Zusammenhang mit der Durchsetzung des Sozialismus hatte Schumpeter auch eine These zu einer demokratischen Organisation des Staates geäußert. In dieser zweifelte er die Existenz eines einheitlichen Volkswillen bei politischen Fragen an. Dies stand im Gegensatz zu der damals verbreiteten Theorie der Demokratie, in der das Volk Vertreter wählt, die die Ansichten des Volkes eins zu eins umsetzen. Vielmehr glaubte Schumpeter, dass die Demokratie eine Methode ist, einzelnen Personen, bzw. Personengruppen durch die Wahl des Volkes Macht zu übertragen oder zu entziehen. Dieser Personenkreis bestand nach Schumpeter aus Spezialisten, die sich im ständigen Konkurrenzkampf miteinander befinden. Hierbei verfolgt der Politiker immer erst das Ziel der Stimmenmaximierung, während die Vertretung der Wählerinteressen eher beiläufig vonstatten geht.
Literatur:
- Artikel Stamokap. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 08. Februar 2007 (Abgerufen: 08. Februar 2007) http://de.wikipedia.org
- Geißler, Cornelia (1999): Lob der Konzerne. In: ZEIT online – Wirtschaft. Bearbeitungsstand: N.N. (Abgerufen: 08. Februar 2007) www.zeit.de
- Meyers Lexikon online – Definition: Staatsmonopolistischer Kapitalismus. lexikon.meyers.de
- Müller, Klaus O. W. (1990): Joseph A. Schumpeter – Ökonom der neunziger Jahre, Berlin
- Schumpeter, Joseph A. (1950): Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie, Bern
- Starbatty, Joachim (1989): Klassiker des ökonomischen Denkens, Band 2, München
- Swedberg, Richard (1994): Joseph A. Schumpeter, Stuttgart
- Timmermann, Manfred (1987): Die ökonomischen Lehren von Marx, Keynes, Schumpeter, Stuttgart