Karl R. Popper
Fehlerkorrektur – Schritt für Schritt
Der Philosoph, Soziologe und Wissenschaftstheoretiker Karl R. Popper gilt als Begründer des kritischen Rationalismus: Dieser inspirierte in den siebziger Jahren unter anderem die Politik der deutschen Sozialdemokraten – ihnen voran den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Aufbauend auf seiner Wissenschaftstheorie entwickelte Popper einige demokratietheoretische Überlegungen: So forderte er zum Beispiel nach dem Prinzip der Fehlerkorrektur nur „Reformen der kleinen Schritte“ durchzuführen. Als wichtigstes Kriterium eines „guten“ Staates sah er dabei die Möglichkeit, eine Regierung friedlich absetzen zu können.
Leben
Sir Karl R. Popper wurde am 28. Juli 1902 in Wien geboren. Die Armut im Wien des beginnenden Jahrhunderts bewegte ihn bereits als Kind und hat ihn früh eine „realistische“ Perspektive einnehmen lassen. Das entscheidende Jahr in seiner Biografie ist nach eigenen Angaben das Jahr 1918 gewesen: In diesem entschloss er sich nicht nur dazu, die Schule abzubrechen, sondern auch dazu, politisch aktiv zu werden. Er wurde Gasthörer an der Universität Wien und engagierte sich dort ca. drei Monate lang in marxistischen Gruppen. Doch der Tod sozialistischer Arbeiter, die bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mit der Polizei in Wien ums Leben kamen, bewegte ihn zu einer Kehrtwendung: Fortan warnte er vor seinem begangenen ideologischen Irrtum – und dem Kommunismus. Sowohl seine Wissenschaftstheorie als auch seine Gesellschaftstheorie wurden von diesen Erfahrungen beeinflusst.
1928 promovierte Popper, der inzwischen das Abitur nachgeholt hatte und regulär immatrikuliert worden war, an der Universität Wien mit der Dissertation „Zur Methodenfrage der Denkpsychologie“. Von 1930 bis 1936 arbeitete er in Wien als Hauptschullehrer für Mathematik und Physik. In dieser Zeit verfasste er das Manuskript „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“, das in gekürzter Form als „Logik der Forschung“ erschien und den Grundstein für seine Wissenschaftstheorie legte. 1937 emigrierte er mit seiner Frau nach Neuseeland, wo er am „Canterbury University College“ Philosophie unterrichtete. Von 1946 bis 1969 lehrte er an der London School of Economics. Popper, der von Königin Elisabeth II. geadelt wurde, starb am 17. September 1994 bei London.
Wissenschaftstheorie
Popper lehnte das Prinzip des Induktionsschlusses ab: Aus vielen Einzelfällen könne nicht auf alle Fälle geschlossen werden. Ein bekanntes Beispiel: Wenn wir Schwäne beobachten und sehen, dass sie weiß sind, können wir nach Popper nicht zu dem Schluss kommen, dass alle Schwäne weiß sind. Auch ist es falsch zu denken, die Vermutung, dass alle Schwäne weiß sind, würde um so „richtiger“, je mehr weiße Schwäne wir sehen. Vielmehr kann es nie ganz ausgeschlossen werden, dass irgendwann doch ein schwarzer Schwan auftaucht, der die Annahme widerlegt. Theorien können also nicht bewiesen (verifiziert) werden, sondern nur falsifiziert. Mit dieser Einsicht brach Popper grundlegend mit dem bis dahin in der Wissenschaft vorherrschenden Positivismus und war in den 1960er Jahren auch maßgeblich am so genannten Methodenstreit beteiligt. Wissenschaftler sollten nach Popper immer von den konkreten Problemen ausgehen.
Die „Lösung“ dieser Probleme kann nur durch Versuch und Irrtum gefunden werden: „Es ist die Methode, versuchsweise Lösungen unseres Problems aufzustellen und dann die falschen Lösungen als irrtümlich zu eliminieren. Diese Methode setzt voraus, daß wir mit einer Vielzahl von versuchsweisen Lösungen arbeiten. Eine Lösung nach der anderen wird ausprobiert.“ [1] Ist also eine scheinbare Lösung eines Problems gefunden, heißt das nicht, dass diese Bestand haben muss. Im Gegenteil müsse ein Wissenschaftler sogar darauf hinarbeiten, die versuchsweise Lösung zu widerlegen und durch eine neue zu ersetzen. Es können also keine endgültigen Theorien aufgestellt oder absolute Wahrheiten behauptet werden. Die Grundforderung dieses Falsifikationsprinzips ist, dass jede aufgestellte Theorie auch widerlegbar sein muss (im Gegensatz zum Induktionsschluss). Die Philosophie Poppers wurde unter der Bezeichnung „Kritischer Rationalismus“ bekannt und wurde auch von anderen Denkern (wie z.B. Hans Albert) weiterentwickelt.
Demokratietheoretische Überlegungen
Dass es keine endgültigen Theorien und Wahrheiten gibt, das gilt nicht nur für die Wissenschaftstheorie. So gibt es zum Beispiel nach Popper auch keinen Geschichtsdeterminismus: Der Lauf der Geschichte ist nicht rational vorhersagbar, denn aus Einzelfällen kann nicht auf zukünftige Fälle geschlossen werden (vgl. Wissenschaftstheorie). Anmaßende Träume der Weltbeglückung seien deshalb aufzugeben und die Idee einer utopischen sozialen Planung großen Stils sei ein Irrlicht. Dies bedeutet eine klare Absagen an totalitäre Regime (wie z.B. dem Kommunismus der Sowjetunion), die ihrer Bevölkerung die Überwindung aller Probleme und Widersprüche versprechen.
Popper forderte deshalb in seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ auch für das politische System das Prinzip der Fehlerkorrektur (vgl. Wissenschaftstheorie: Lernen aus Fehlern) ein. Denn jeder ganzheitlich-umfassende Plan bringe unvorhergesehene „Nebenwirkungen“ mit sich, die nicht vorausgesagt werden können. Popper befürwortet somit demokratietheoretisch Reformen nach dem Prinzip „der kleinen Schritte“: Dabei soll sich jeweils der akuten Einzelprobleme angenommen und nur eine überschaubare Detailplanung vorgenommen werden, anstatt auf die Verwirklichung abstrakter Ideale hinzuarbeiten.
Dieses Prinzip der schrittweisen Fehlerkorrektur sei aber nur möglich, wenn das politische System nicht zu viel Macht anhäuft. Denn in Diktaturen würden Fehler lange unbemerkt bleiben und oftmals erst dann registriert, wenn sie nur noch schwer zu beheben sind. Da jedes Land/Volk für Diktaturen anfällig werde, wenn keine Fehlerkorrekturen und keine Kritik zugelassen werden, müssen politische Institutionen nach Popper so organisiert sein, dass durch die inkompetenten Herrscher kein allzu großer Schaden angerichtet werden kann (Prinzip der Schadensminimierung).
Popper war der Meinung, dass es eine Volkssouveränität im eigentlichen Wortsinne nicht gebe und nie gegeben hat. Das wichtigste in einem politischen System ist nach Popper, „dass die Entscheidungsträger durch einen friedlichen, kollektiven Wahlentscheid wieder abgesetzt werden können – und die politischen Eliten diese Wahl auch akzeptieren“ [2]. Es ist also nicht entscheidend, dass jeder Bürger Politik mit entwerfen und durchführen kann, sondern dass jeder Bürger Politik beurteilen kann. Für Popper steht so auch nicht die Frage „Wer soll regieren?“ im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie eine inkompetente Regierung abgelöst werden kann. Gewalt darf dabei nur angewendet werden, wenn es darum geht, eine Diktatur zu stürzen oder gegen antidemokratische Kräfte in einer Demokratie vorzugehen.
So ergab sich für Popper die Forderung nach möglichst großer politischer Freiheit – verstanden als negative Freiheit im Sinne der Abwesenheit von Zwängen und Unterdrückung. Allerdings müsse dieser auch Grenzen gesetzt werden, denn bei einer uneingeschränkten Freiheit stehe es den „Starken“ frei, die „Schwachen“ zu tyrannisieren. Deshalb müsse der Staat gewährleisten, dass die Freiheit aller Menschen vom Gesetz und vom Rechtsstaat geschützt wird. Der Staat dürfe aber nicht paternalistisch (väterlich/bevormundend) auftreten. Nur wenn Bürger in vermeidbare Gefahren kommen, die sie selbst nicht beurteilen können, solle der Staat eingreifen -
und auch insbesondere dann, wenn es um den Schutz eines Dritten geht: Als triviales Beispiel nennt er hierfür die „Anschnallpflicht“ beim Autofahren: Nach Popper ist in diesem Fall der Staat dazu verpflichtet, „jedermann, der einem Dritten einen Motorwagen zum Selbstfahren zur Verfügung stellt – durch Verkauf oder Verleih –, mit Strafandrohung zu zwingen, zum Schutze des Fahrers von diesem als eine Bedingung die freiwillige Unterschrift eines Dokumentes zu verlangen, in dem jener Dritte sich verpflichtet, eine größere Summe zu zahlen, wenn er je vergessen sollte, sich vor Beginn der Fahrt anzuschnallen.“ [3]
Aus der Forderung nach einer möglichst freien Entfaltung der Menschen und aus dem Prinzip der Fehlerkorrektur ergibt sich insgesamt das Postulat eines Minimalstaats, der sich auf den schrittweisen Umbau sozialer und politischer Institutionen, die dem Schutz der Freiheit dienen, beschränkt. Allerdings heißt dies nicht, dass Popper ein Gegner des Sozialstaats war. Vielmehr befürwortete er Eingriffe des Staates in die Wirtschaft, wenn dadurch ökonomisch Schwache geschützt werden.
Auf der Grundlage seiner Forderung nach einer möglichst leichten Absetzbarkeit einer inkompetenten Regierung kritisierte Popper auch das (deutsche) Verhältniswahlrecht: Denn dieses bringe eine Vielzahl von politischen Parteien hervor, so dass es oft keine klaren Verantwortlichen für die Politik gibt: Nur selten schafft eine Partei die absolute Mehrheit. Doch selbst wenn es einen klaren Verantwortlichen in Form einer Partei mit einer absoluten Mehrheit gibt, kann es im Verhältniswahlrecht dazu kommen, dass diese Partei bei der nächsten Wahl zwar die bisherige absolute Mehrheit verliert, trotzdem aber an der Regierung bleibt. Hinzu kommt im Falle einer Regierungskoalition aus mehreren Parteien, dass der Wähler nur schwer beurteilen kann, welche Partei welchen Einfluss ausübt. Das britische oder amerikanische System des Mehrheitswahlrechtes sei also nach Popper nicht moralisch schlechter als Systeme des Verhältniswahlrechts und vor allem in Bezug auf die Absetzbarkeit einer Regierung sogar geeigneter.
Literatur:
- Karl R. Popper (1996): Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, München/Zürich. (Überblick über das Gesamtwerk in Form einer Aufsatzsammlung)
- Karl R. Popper (2002): Logik der Forschung, Tübingen. (wichtig für seine Wissenschaftstheorie)
- Karl R. Popper (2002): Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde (Band I & II), Falsche Propheten, Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen. (wichtig für seine politische Theorie)
- Karl R. Popper (2002): Das Elend des Historizismus, Tübingen.
- Eberhard Döring (1992): Einführung in Leben und Werk, Berlin. (gute Sekundärquelle, die Poppers Werk zusammenfasst)