Max Weber

Überlegungen zum Geist des Kapitalismus und zu Politik als Beruf

Max Weber This image is in the public domain because its copyright has expired.Max Weber gilt als Begründer der “verstehenden Soziologie”. Er war es, der erstmals das Postulat der “Wertfreiheit in der Wissenschaft” formulierte. Doch auch die Politik war ein Thema, das ihn interessierte: Bereits während des Krieges hatte er sich offen für eine Parlamentisierung ausgesprochen. Er war Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei und war maßgeblich an der Entstehung der Weimarer Verfassung beteiligt. Zudem gilt Max Weber als Begründer der Herrschaftssoziologie und neben Émile Durkheim als Begründer der Religionssoziologie.

Leben

Carl Emil Maximilian Weber wurde am 11. April 1864 als Kind bildungsbürgerlicher Eltern in Erfurt geboren. Sein Vater war nationalliberaler Jurist, Baustadtrat in Berlin und später preußischer Landtags- und Reichstagsabgeordneter. Seine Mutter, aus einer hugenottisch-calvinistischen Tradition stammend, versuchte, ihm die Religion nahezubringen.

In Heidelberg (1882), Straßburg (1883), Berlin (1884) und Göttingen (1885/1886) studierte Weber Rechtswissenschaften, belegte daneben aber auch historische und nationalökonomische Lehrveranstaltungen. In Göttingen machte er 1886 sein juristisches Staatsexamen und wurde dann am Charlottenburger Amtsgericht in Berlin als Referendar vereidigt. 1889 erhielt er seinen Doktor-Titel mit “Magna cum Laude”. Im Jahr 1892 habilitierte sich Max Weber mit einer Abhandlung über die römische Agrargeschichte, die einen Grundstein für seinen späteren Eintrag im Handwörterbuch der Staatswissenschaft legte. Darin untersuchte er unter anderem die Bedeutung der Sklaverei für die römische Gesellschaft und Agrarwirtschaft.

Als Privatdozent widmete er sich – neben seiner anwaltlichen Tätigkeit – den aktuellen Fragen der Börsenreform und der Warentermingeschäfte. Gleichzeitig schrieb er die Landarbeiter-Enquete. Darin untersuchte er die Problematik der Landflucht deutscher Landarbeiter und kam zu dem Schluss, die deutsch-polnische Grenze müsse gegen das Eindringen polnischer Saisonarbeiter geschlossen werden. 1893 heiratete Weber seine Großkusine Marianne. Ein Jahr später folgte er einem Ruf an die Universität Freiburg, wo er von der juristischen in die nationalökonomische Fachrichtung wechselte. In seiner Antrittsrede betonte er, dass eine wirksame Außenpolitik nur durch die innere Demokratisierung möglich sei. Er kritisiert damit die wilhelminische Plutokratie. In dieser Zeit veröffentlichte er auch seine Überlegungen zur Wertfreiheit in der Sozialwissenschaft, auf die noch näher eingegangen wird. Im Jahr 1897 wechselte Weber an die Universität Heidelberg an einen Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft. Seiner Tätigkeit dort konnte er jedoch nicht lange nachgehen, da er nervenkrank wurde. 1904 verbesserte sich der Gesundheitszustand Max Webers wieder.

Gemeinsam mit Werner Sombart engagierte er sich für die Zeitschrift “Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik”, die er mit herausgab. Zwischen 1909 und 1913 war Weber vor allem mit der Arbeit an der 3. Auflage des Handwörterbuches der Staatswissenschaften und an dem dreizehnbändigen Grundriss der Sozialökonomie beschäftigt. Der dritte Band, Wirtschaft und Gesellschaft, sein eigentliches Hauptwerk, konnte er bis zu seinem Tod nicht vollständig beenden. Weber intendiert darin eine “verstehende Soziologie”, die soziales Handeln auf Subjektivität zurückführt. Damit will er verstehen, wie es gerade im westlichen Abendland zu den Rationalisierungsprozessen kam, die sich etwa im Kapitalismus, in der modernen Bürokratie und im parlamentarischen Regierungsmodell widerspiegeln. 1919 wurde er zunächst als Gastdozent, dann als Ordinarius nach München berufen. Dort hielt er auch den bekannten Vortrag “Politik als Beruf”, auf den noch näher eingegangen wird. Im Jahr 1920 starb Max Weber sehr überraschend an den Folgen einer Bronchitis.

Die Wertfreiheit in der Sozialwissenschaft

Mit Wertfreiheit appelliert Weber nicht an eine absolute Objektivität, sondern plädiert vielmehr für die Trennung von Weltanschauung und wissenschaftlicher Lehre. Unter “werturteilsfrei” versteht Weber keine “gesinnungslose” oder “voraussetzungslose” Wissenschaft, sondern erkennt an, dass sozialwissenschaftliche Erkenntnisse an subjektive Voraussetzungen gebunden sind. Insofern soll nach Weber kein Anspruch auf Objektivität erhoben werden, weil das nicht möglich sei. Trotzdem ist er der Meinung, dass die Wissenschaft Methoden entwickeln könne, um Subjektivität zu vermeiden. Zum Beispiel, indem sich der Wissenschaftler seiner “Wertmaßstäbe” bewusst wird. “Man kann den Objektivismus, der beansprucht, alles von nirgendwoher zu sehen, auch als einen `erkenntnistheoretischen Chauvinimus´ kennzeichnen.” [2]
Im Verlauf seiner wissenschaftlichen Karriere entwickelte er diese Idee der Werturteilsfreiheit weiter und sprach 1913 nicht mehr von der Wichtigkeit der Wertfreiheit in der wissenschaftlichen Forschung, sondern vor allem in der akademischen Lehre. Insbesondere nach 1914 kritisierte er die “Selbstgefälligkeit und den sozialen Idiotismus (die Interessen und Gegenwartsferne) der bildungsbürgerlichen Akademikerkaste, die jenseits der “Fachqualifikationen” der Studenten einen totalen Erziehungsauftrag der Universitäten formuliert.” [2]

Webers Gedanken zur Wertfreiheit in der Wissenschaft spielten auch eine Rolle im so genannten Positivismusstreit, der in den 1960er Jahren unter Soziologen entbrannte.

Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, veröffentlicht in der Zeitschrift Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, bildete den Auftakt zu einer Reihe von Arbeiten, die die sozialen und religiösen Wurzeln des Kapitalismus untersuchten. Aufgewachsen “zwischen den Stühlen”, seine Mutter calvinistisch, sein Vater kaum religiös, beschäftigte Weber die Religion eher in einer deskriptiven Art. [3] Zudem führte sein wissenschaftlicher (nationalökonomischer) Hintergrund wahrscheinlich dazu, dass er die Religion in den Zusammenhang mit dem Kapitalismus brachte.

Seine These gilt als eine der bekanntesten Gegenthesen zu Karl Marx. Denn im Gegensatz zu Marx, der von den Produktionsweisen und Arbeitsbedingungen auf die Haltung der Arbeiter schloss, war Weber der Meinung, dass religiöser Glauben, insbesondere der Protestantismus (Calvinismus), zur bürgerlichen Wirtschaftsgesinnung führe. Weber sieht die ideellen Grundlagen für die Entwicklung des modernen Kapitalismus in der spezifischen Weltsicht des Protestantismus. Die “kapitalistische Gesinnung”, den Arbeitseifer und die Disziplin brachte er mit einer “innerweltlichen Askese” in Zusammenhang, die für den calvinistisch geprägten Protestantismus typisch ist. Er zeigte, dass die Religiosität, die hier wirksam war, nahezu nichts mit introvertierter Grausamkeit, Ressentiment oder Sklavenmoral zu tun habe. “Kein Aufstand unterdrückten Hasses finde hier statt, vielmehr die Umformung religiöser Unsicherheit und Todesangst in vornehme Selbstzucht, Wille zur Daseinsgestaltung und Schaffenskraft.” [1] Weber war der Meinung, die okzidentale Kultur sei von einem spezifischen Rationalismus durchdrungen.

Nicht alle Überlegungen zur Religion brachte Max Weber in kausale Zusammenhänge mit der bürgerlichen Wirtschaftsgesinnung. In seinen religionssoziologischen Studien in Wirtschaft und Gesellschaft und Wirtschaftsethik der Weltreligionen beschäftigte er sich unter anderem mit den “Wirkungen der sozialen Struktur im Glaubensbetrieb” und der Rationalisierung des Lebens durch die Religion.

Max Weber und die Politik

Die Eindrücke des 1. Weltkrieges bewegten Weber dazu, öffentlich Stellung zu beziehen und sich politisch zu engagieren. Zwar war er 1914 noch Disziplinaroffizier, schied jedoch schon 1915 aus der Armee aus. Er wandte sich gegen die deutsche Annexionspolitik und seit 1917 auch gegen den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. [1] Weber war der Meinung, dass Deutschland seine weltgeschichtliche Rolle als nationaler Machtstaat nur durch eine freie Bündnispolitik, nicht aber durch Besatzungspolitik erhalten könne. Auf den Lauensteiner Tagungen, die die nationale Elite der Künstler und Wissenschaftler einen sollten, sprach er sich dennoch, im Gegensatz zu jungen Pazifisten, die eine Beendigung des Krieges durch eine Revolution forderten, für ein Fortsetzen des Krieges aus, forderte aber auch die Parlamentisierung.

Schon vor dem Krieg vertrat er den Standpunkt, dass eine wirksame Außenpolitik nur durch innere Demokratisierung möglich sei. In zwei großen Streitschriften vom Dezember 1917 über Wahlrecht und Demokratie in Deutschland und vom Frühjahr 1918 über Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland entwarf er die Maßnahmen, die nach dem Krieg zur Rettung Deutschlands zu ergreifen seien. [1] Er prophezeite zudem eine rechtsradikale Gegenrevolution für den Fall, dass die Errichtung der Demokratie aus dem verlorenen Krieg resultieren würde. Denn diese sei mit dem Odium der nationalen Niederlage behaftet. [1] 1918 war Max Weber Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei und wirkte maßgeblich an der Weimarer Verfassung mit. 1919 war er Sachverständiger der deutschen Delegation bei der Konferenz zum Versailler Vertrag.

Politik als Beruf

Sein Vortrag über “Politik als Beruf”, den er 1919 vor Münchner Freistudenten hielt, war seine letzte Auseinandersetzung mit der Politik. In dieser Rede definiert Weber Politik als “Streben nach Machtanteilen” entweder zwischen zwei Staaten oder innerhalb eines Staates zwischen Machtgruppen.
Weber unterscheidet zwischen drei Idealtypen der Herrschaft:

    - die traditionelle Herrschaft erfolgt durch die Weiterreichung der Machtposition zum Beispiel durch Erbfolge
    - die charismatische Herrschaft erfolgt durch einen Demagogen
    - die legale Herrschaft ist durch den Glauben an die Legalität der Satzung seitens der Bevölkerung gekennzeichnet

Doch insbesondere die Rolle des charismatischen Staatsführers interessiert Max Weber. “Der Glaube an die Rechtmäßigkeit einer gesetzten Ordnung, wie sie das Fundament der Legitimität legaler Herrschaft darstellt, bildet für ihn keine ausreichende und dauerhafte Basis für diese Herrschaftsformen. Die Autorität des unpersönlichen Rechts vermag die Autorität einer Persönlichkeit nicht zu ersetzen.” [1] Diese Auffassung war wahrscheinlich der Grund für seine Bemühungen bei der Arbeit an der Weimarer Verfassung, einen direkt gewählten Reichspräsidenten an die Spitze des Staates zu stellen. Dieser sollte quasi die Rolle eines Monarchen einnehmen – wenn auch frei gewählt. Darin sah er den einzigen Ausweg aus der bürokratischen Erstarrung einer führerlosen Demokratie. Im Gegensatz zu anderen Theoretikern plädierte er damit für einen starken Staat.

Rationalität verschafft laut Weber zwar Rechtsgleichheit unter den Bürgern, dennoch führe sie auch zur Verhärtung der bürokratischen Maschinerien, die den Bürgern ihre Freiheiten rauben. [1] Die Bürokratie, durch die die modernen Herrschaftssysteme gekennzeichnet sind, gewährleistet laut Weber den reibungslosen Ablauf aller Regierungsgeschäfte. Vorteil sei es, dass die Beamten nicht mit dem jeweiligen Machthaber in einem Vertrauensverhältnis ständen. So würde die Verwaltungsmaschinerie durch Umstrukturierungen an der Staatsspitze nicht außer Kraft gesetzt.

Die Aufgabe eines Politikers sei die Auseinandersetzung mit tagesaktuellen Problemen. Doch Weber unterscheidet zwischen Politikern, die für die Politik leben, und denen, die von der Politik leben. Für die Politik leben, bedeutet hier, den Lebensunterhalt nicht durch die Politik zu bestreiten und daher nicht aufgrund von Mittellosigkeit dazu gezwungen zu sein, Politik zu betreiben. Von der Politik zu leben bedeutet demnach, dass die Tätigkeit als Politiker die Haupteinnahmequelle ist.

In diesem Zusammenhang thematisiert er auch das Verhältnis von Politik und Ethik. Er differenziert zwischen dem gesinnungsethischen und dem verantwortungsethischen Staatsmann. Der gesinnungsethisch handelnde Staatsmann ist sich selbst verpflichtet, während der verantwortungsethisch handelnde Staatsmann die Folgen seines Handelns bedenkt und aus diesen Überlegungen heraus seine Entschlüsse fasst.

Die Sympathie Webers gehörte den Honoratiorenpolitikern, also denen, die ihr Amt frei von finanziellen Interessen ausüben. Denn das garantiere nicht nur Äußere, sondern auch geistige Freiheit. [1] Doch einen solchen aristokratischen Stand heranzuziehen, hielt er für unmöglich. Daher erklärt sich auch sein Engagement für eine “plebiszitäre Führerdemokratie”, von der er sich erhoffte, die Demokratie von “der drohenden Mediatisierung durch Massenparteien und organisierte Interessen” frei zu halten.

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Literatur

  • Kurt Lenk, Rolf Hocevar (1974): Klassiker des politischen Denkens. Von Locke bis Weber, München
  • Volker Heins (1990): Max Weber zur Einführung, Hamburg
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon: http://www.bautz.de (Stand: 2.2.2006)