Thomas Hobbes

“Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf”

Thomas HobbesHomo homini lupus est: Wieviel Wölfisches in jedem Menschen steckt, erlebte Thomas Hobbes im von kriegerischen Auseinandersetzungen gezeichneten Europa des 17. Jahrhunderts jeden Tag. Aber wie diesen primitiven Naturzustand überwinden? In seinem Hauptwerk “Leviathan” findet Hobbes eine Antwort: Jeder Einzelne muss seine Souveränität an den Staat übertragen, der mit absolutistischer Macht ausgestattet über Norm, Recht und Moral bestimmt. Die dadurch garantierte Sicherheit kostet jedoch nicht weniger als die persönliche Freiheit des Einzelnen. Nicht umsonst brachte seine radikale Staatstheorie Hobbes den Beinamen “Vater des Absolutismus” ein.

Leben

Thomas Hobbes wurde am 5. April 1588 in Westport in der Nähe von Malmesbury in England geboren. Seine Eltern waren ein ungebildeter Landgeistlicher und eine Bauerntochter. Thomas Hobbes war ein hochintelligentes “Wunderkind”: Bereits im Alter von vier Jahren konnte er lesen, schreiben und rechnen. Als er vierzehn Jahre alt war, erlangte er die Hochschulreife. Er studierte vor allem Logik und Physik an der Universität von Oxford und wurde anschließend Hauslehrer in einer der führenden Familien Englands, der Familie des Baron Cavendish von Hardwick.

Er begleitete insgesamt dreimal die Söhne des Barons auf deren damals üblichen mehrjährigen Bildungsreisen nach Kontinental-Europa ( “Grand Tour”) und lernte dabei die bedeutendsten Denker seiner Zeit kennen: Galileo Galilei, René Descartes und Pierre Gassendi. Für kurze Zeit war Hobbes auch Sekretär des Philosophen Francis Bacon. Auf seiner zweiten Bildungsreise machte er sich mit der Geometrie Euklids vertraut. Er war fasziniert von dessen normenbefreiter und schlussfolgernder Denkweise, die Einfluss nahm auf seine eigenen politischen Theorien.

Aber auch die kriegerischen Auseinandersetzungen seiner Zeit spiegeln sich nachhaltig in Hobbes’ Werk wider: Während das kontinentale Europa unter den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges litt, brach im Jahr 1640 auch in England der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt zwischen dem alten Adel und dem jungen Parlament offen aus, der schließlich 1642 zum Bürgerkrieg eskalierte. Als das Parlament die Vertreter der absolutistischen Politik des Königs unter Anklage stellen wollte, floh Hobbes 1640 ins elfjährige Exil nach Paris. Unter diesem Eindruck publizierte Hobbes seine Schrift “Elements of Law”, in der er bereits seine Idee einer absolutistischen Option skizziert.

Im Jahr 1651 veröffentlichte Hobbes sein wichtigstes Werk, den “Leviathan”. Obwohl von Hobbes selbst als unparteiischer “Wegweiser zum Frieden” konzipiert, witterten Royalisten dahinter eine Fürsprache zugunsten der Republik – Hobbes fiel am Exilhof Karls II. in Ungnade. Weil er in seiner Schrift zudem auf jede religiöse Begründung des Staates verzichtete, zog er das Misstrauen der französischen Behörden auf sich, die ihm eine atheistische Überzeugung vorwarfen. Daraufhin floh Hobbes zurück in die englische Heimat, wo er bis zu seinem Tod am 4. Dezember 1679 wieder beim Earl of Devonshire lebte.

Der Naturzustand: Homo homini lupus

Hobbes ging in seiner Theorie im Gegensatz zu der damals vorherrschenden Lehre Aristoteles’ und der Scholastiker davon aus, dass der Mensch kein soziales Wesen ist und somit nicht aus eigenem Antrieb vergesellschaftungsfähig ist. Stattdessen sei es menschliche Natur, sich allein von den eigenen Interessen leiten zu lassen. Vorherrschend sei der reine Selbsterhaltungstrieb, der das eigene Überleben in den Mittelpunkt aller Bestrebungen stelle. Das eigene Leben und Wohlergehen steht laut Hobbes über allem anderen: “Glückseligkeit ist ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zum anderen, wobei jedoch das Erlangen des einen Gegenstandes nur der Weg ist, der zum nächsten Gegenstand führt.” [1] Dieses Bestreben nach der Maximierung des eigenen Nutzens liegt laut Hobbes zwar auch in einer maßlosen Ruhmsucht und Habgier des Menschen begründet, sei vor allem aber das Resultat seiner ständigen Zukunftsangst, in der er sich schließlich vom Tier unterscheide. Seine Zukunftsangst mache den Menschen raublustiger und grausamer als jedes Tier, denn im Gegensatz zu den Tieren, “deren Raubgier nicht länger dauert als ihr Hunger” [2], sei der Mensch ein Wesen, welches “sogar der künftige Hunger hungrig macht” [3]. Die gesamte Menschheit treibe “ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht […], [das] nur mit dem Tod endet” [4].

Darin steckt nach Hobbes großes Konfliktpotenzial, da Mittel und Güter knapp seien und die Menschen in ihrem unbändigen Streben nach Macht und materiellen Dingen zu unerbittlichen Konkurrenten und schließlich auch gewaltbereiten Feinden würden. Ohne eine zentrale souveräne Macht, die dem Menschen in der Verfolgung seiner eigenen Interessen Grenzen setzt, herrscht nach Ansicht Hobbes Anarchie: Dieser Naturzustand gewährt maximale individuelle Freiheit, in der jeder seine Angelegenheiten nach eigenem Gutdünken regeln kann. Recht oder Unrecht existieren nicht, da eine höhere Macht fehlt, die Gesetze festlegt oder ihre Einhaltung durchsetzt. Folglich existiert auch kein Eigentumsrecht, sondern es gilt, “dass jedem gehört, was er bekommen kann, und so lange wie er es halten kann.” [5] Entsprechend ist Hobbes’ Naturzustand geprägt von einer großen Unsicherheit: Kein Besitz ist langfristig sicher. Jeder Mensch ist dem anderen eine Bedrohung, “was die Körperkraft betrifft, so hat der Schwächste genügend Kraft den Stärksten zu töten, entweder durch einen geheimen Anschlag oder durch ein Bündnis mit anderen, die sich in derselben Gefahr wie er befinden” [6]. Es gibt demnach keine natürlichen Sieger/Herrscher und keine natürlichen Verlierer/Untertanen.

Diese ständige Konkurrenzsituation des Naturzustands hat nach Hobbes zur Folge, dass “immer ein Krieg eines jeden gegen jeden” [7] herrscht. Die einzig rationale Strategie in dieser Situation besteht laut Hobbes darin, der Gewalt anderer zuvorzukommen – Angriff ist die beste Verteidigung. Diese Strategie vergrößert die eigene Macht und erhöht damit die Überlebenschancen. Umgekehrt ist es im höchsten Maße irrational, sich auf die Friedfertigkeit der Mitmenschen zu verlassen, auf der bereits erreichten Machtposition auszuruhen und auf die reine Verteidigung zu beschränken. Denn es muss immer damit gerechnet werden, dass andere aggressiv vorgehen und ihre Macht durch Invasion ausweiten, was die Verschlechterung der eigenen Machtposition zur Folge hätte – bis zu einem Punkt, an dem die eigene Verteidigungsmacht nicht mehr ausreicht. Selbst der Sanftmütigste wird demnach zur Selbsterhaltung präventiv Gewalt anwenden. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf (”Homo homini lupus est”); und zwar nicht aus einer wölfischen Triebnatur oder obsessiven Machtgier heraus, sondern weil der Mensch ein rationales, strategisch denkendes Wesen ist. Der Kriegszustand, in dem jeder in ständiger Furcht um Leben und Besitz lebt, ist also im Grunde darauf zurückzuführen, dass sich individuelle und kollektive Rationalität widersprechen. Würden nämlich alle auf die aggressiven Handlungen verzichten, so würden alle gewinnen. Diese sich “aufschaukelnden Strategien des offensiven Misstrauens” [8] ähneln dem Dilemma des Rüstungswettlaufs, wie es die Spieltheorie beschreibt.

Wirtschaftliche Nachteile des Naturzustands

Aus dem Fehlen von Gesetzen, insbesondere Eigentumsrechten, ergeben sich ökonomische Nachteile. Da es im Naturzustand kein sicheres Eigentum gibt, erfolgen auch keine oder nur sehr geringe Wertschöpfung und Investitionen: “Es gibt keinen Platz für Fleiß, denn seine Früchte sind ungewiss, und folglich keine Kultivierung des Bodens, keine Schiffahrt […] keine Künste, keine Bildung […], es herrscht ständige Furcht und die Gefahr eines gewaltsamen Todes; und das Leben des Menschen ist einsam, armselig, widerwärtig, vertiert und kurz” [9].

Darüber hinaus gibt es (abgesehen von einem kurzzeitigen kollektiven Handeln zu Verteidigungszwecken) auch keine Kooperation zwischen Individuen. Für Menschen ist es im Naturzustand niemals rational, einen Vertrag einzuhalten, da keinerlei Sicherheit darüber besteht, dass der Vertragspartner den Vertrag einhält.

Überwindung des Naturzustands: Der Gesellschaftsvertrag

LeviathanDa die Menschen über Vernunft verfügen, erkennt jeder, dass er sich durch die Überwindung des Naturzustands verbessern kann. Auf natürlichem Wege ist eine Gesellschaftsordnung nicht zu erreichen. Der einzige Ausweg aus dem Naturzustand besteht für die Menschen in der künstlichen Schaffung einer staatlichen Herrschaftsordnung. Es bedarf einer souveränen “Macht […] die fähig ist, die Menschen vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigem Unrecht zu schützen und sie damit so weit zu sichern, daß sie sich durch eigenen Fleiß und die Früchte der Erde ernähren und zufrieden leben können” [10]. Ein neutraler Dritter muss regulierend eingreifen, um den Naturzustand zu überwinden.

Wie kann diese Macht geschaffen werden? Die bislang unabhängigen Naturzustandsbewohner erkennen, dass sie nur über Kooperation den Naturzustand überwinden können und schließen deshalb einen Vertrag miteinander. In diesem verpflichtet sich jeder Mensch gegenüber allen anderen, zum einen auf seine absolute Freiheit zu verzichten (Rechtsverzichtsvertrag) und zum zweiten seine Rechte auf einen vertragsunbeteiligten Dritten zu übertragen (Rechtsübertragungsvertrag). Dabei ist Bedingung, dass alle anderen dies ebenso tun. Die Menschen beschließen also die Errichtung der Institution “Staat”, den Hobbes “Leviathan” nennt, dem sich alle unterwerfen und erhalten dafür Sicherheit. Der mit absoluter Macht ausgestattete Staat richtet eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung ein, in der er durch das “Schwert” Strukturen von Eigentumsrechten schafft und das Einlösen von Vertragsversprechen erzwingt. Nur durch die Unterwerfung aller Menschen unter den absolutistischen Leviathan, der ein Mensch oder eine Versammlung von Menschen sein kann, ist also laut Hobbes die Bildung einer Gesellschaft möglich. Das individuelle Eigeninteresse der Menschen und ihre Vernunft führen dazu, dass die sich wie Wölfe verhaltenden Individuen erkennen, dass sie aus eigenem Interesse gebändigt werden müssen. Sie erkennen, dass eine Einschränkung ihrer Freiheit über die Einführung von Regeln ihre Wohlfahrt erhöht. Der Staat ist also eine bewusste Entscheidung der Individuen.

Für Hobbes kann nur eine absolute Herrschaft den Naturzustand überwinden. Die Aufstellung und Durchsetzung eines herrschaftseinschränkenden Regelwerks würde aufgrund konkurrierender Interpretationen zurück in das Chaos des Naturzustands führen; um dies zu vermeiden, muss ein politisches System einen absoluten Souverän haben.

Hobbes zeigt im Leviathan anhand des Gedankenexperimentes Naturzustand, dass es Situationen gibt, in denen sich individuelles und kollektives ökonomisches Kalkül widersprechen, und dass kollektives Handeln in Form der Bildung der Institution Staat ökonomisch vorteilhaft ist. Hobbes hat die Vorteile von Regeln (insbesondere der Eigentumsrechte) früh erkannt: Institutionen beeinflussen die Wirtschaftsleistung (”institutions matter”). Seine Idee der Staatengründung durch einen einstimmig geschlossenen Gesellschaftsvertrag wurde von Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts wie Locke und Rousseau aufgegriffen. John Locke allerdings, der als Begründer der Lehre von der Gewaltenteilung zwischen Exekutive und Legislative gilt, widersprach der von Hobbes vertretenen Auffassung des Staatsabsolutismus entschieden und trat vielmehr für Gleichheit und Freiheit, für das Recht auf Eigentum und die Unverletzlichkeit der Person ein. Lockes Wunschdenken war eine Rückkehr zu einem Urzustand der Freiheit, der aber ungleich einem Zustand der Zügellosigkeit sein sollte. Ab 1960 entdeckten auch Verfassungsökonomen wie Buchanan und Tullok Hobbes’ wieder und schufen auf Basis seiner Arbeiten einen eigenen Theoriebereich, die Vertragstheorie.

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Literatur

  • Hobbes, Thomas (1651): Leviathan. Herausgegeben von Hermann Klenner, Übersetzt von Jutta Schlösser, Hamburg 1996
  • Kersting, Wolfgang (-005): Thomas Hobbes zur Einführung, Hamburg
  • Möller, Peter (o.J.): John Locke. In: Peter Möllers Philolex. (Abgerufen: 6. Februar 2007)
  • Münkler, Herfried (2001): Thomas Hobbes, Frankfurt