Vilfredo Pareto

Zwischen Ökonomie und Soziologie

Vilfredo Pareto This image is in the public domain because its copyright has expired.Vilfredo Pareto war Soziologe und Nationalökonom. Er versuchte in seinem Werk eine exakte Wissenschaft der Ökonomie und der Soziologie zu entwickeln und die beiden Wissenschaftsgebiete zusammenzuführen. Seine bekannteste Leistung ist die Entwicklung des Pareto-Optimums, Pareto gilt außerdem als Begründer der Wohlfahrtsökonomie. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete er als Ingenieur in der freien Wirtschaft, später widmete er seine Zeit komplett der Forschung und der Lehre an der Universität.

Leben

Vilfredo Pareto wurde am 15. Juli im Revolutionsjahr 1848 in Paris geboren. Mit 11 Jahren verließ Pareto mit seiner Familie Paris und zog nach Italien in die Stadt Genua. Möglich wurde dies durch die Amnestierung seines Vaters, der als Anhänger der liberal-nationalen Freiheitsbewegung zuvor aus Italien fliehen musste. In Genua erhielt Pareto die Hochschulreife und begann ein mathematisches Studium in Turin, das er im Alter von 21 Jahren als Ingenieur abschloß.

Nach dem Tod seines Vaters siedelte die Familie 1874 nach Florenz um. Dort wurde Vilfredo Pareto noch im selben Jahr zum ordentlichen Mitglied der Accademia Economico-Agraria dei Georgiofili di Firenze gewählt. Mit 41 Jahren heiratete er seine erste Frau, die russischstämmige Alessandra Bakounine. Gleichzeitig begann er, sich nach 20 Jahren der Ingenieurstätigkeit mehr und mehr aus dem Wirtschaftsleben zurückzuziehen und sich verstärkt der Wissenschaft zu widmen. Sein Bekannter Maffeo Pantaleoni empfahl ihn schließlich für einen Lehrstuhl an der Universität Lausanne, auf den er im Jahr 1893 auch berufen wurde. Dort löste er Léon Walras ab, einer der Begründer und Vertreter der Lausanner Schule.

1896 veröffentlichte er den zweibändigen „Cours d´économie politique“ sowie 1902 „Les systémes socialistes“, allerdings schon nicht mehr in Lausanne sondern in Celigny an Genfer See. Als 1906 sein „Manuale di economia politica“ erschien, hat sich seine erste Frau bereits von ihm getrennnt. Ihren Platz nimmt nun die Französin Jean Régis ein. Sein Hauptwerk, der „Trattato di Sociologia Generale“, das in Deutschland unter dem Titel „Allgemeine Soziologie“ erschien und an dem er mehr als 20 Jahre arbeitete, wurde 1916 von ihm fertig gestellt. Pareto starb am 19. August 1923 in Céligny.

Der wissenschaftliche Ansatz

Für Pareto stellte die Herangehensweise an das Untersuchungsobjekt einen wichtigen Faktor seiner Arbeit dar. Er entwickelte die „logisch-erfahrungsmäßige Methode“, die sich alleine auf die Erfahrung und die Beobachtung stützte und, im Gegensatz zum damals vorherrschenden Positivismus, nicht von Hypothesen ausging. Pareto sah in den menschlichen Handlungen selbst das einzige „logisch-erfahrungsmäßig“ Reale.

Dieser Ansatz war für ihn von größter Bedeutung. So schrieb er Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Vorwort zu einer von ihm publizierten Sammlung wissenschaftshistorischer Aufsätze:

„Die Tatsachen beobachten und die Gleichförmigkeiten entdecken, die in ihnen zusammentreffen, ist der Zweck jeder beliebigen Wissenschaft und deshalb auch der politischen Ökonomie und Soziologie.“ [1]

Damit formulierte er einen universalen Ansatz, der, wie er selbst schrieb, nicht auf seine Fachgebiete der Ökonomie und Soziologie beschränkt war. Joseph A. Schumpeter ging sogar noch einen Schritt weiter, als er über Pareto schrieb:

„Sein scharfer Verstand reichte weit über die Grenzen der angewandten Wissenschaft hinaus in das Reich reiner und allgemeinster Begriffe: Nur wenige haben jemals mit der gleichen Intensität begriffen, daß letzten Endes alle exakten Wissenschaften oder Teilwissenschaften eine Einheit bilden.“ [2]

Vilfredo Pareto versuchte, seine Forschungen frei von Dogmen zu betreiben. Er wollte die Vorgänge in einer Gesellschaft möglichst unbeeinflusst von Weltanschauungen aufzeigen, einzig durch Erfahrung und Beobachtung menschlicher Handlungen. Diese ideologiekritische Haltung findet ihren Ausdruck auch in seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus, die 1902 in seinem Werk „Les systémes socialistes“ von ihm veröffentlicht wurde. Den Marxisten, die selbst ebenfalls ideologiekritische Ansätze vertraten, blieb Pareto aufgrund seiner Bürgerlichkeit jedoch immer suspekt.

Das soziologische Werk

Paretos Hauptwerk auf dem Gebiet der Soziologie war seine Theorie zur Erklärung menschlichen Handelns, die Theorie der sozialen Residuen. Pareto unterschied in dieser Theorie zwischen logischem und nicht-logischem Handeln. Während logisches Handeln rationalen Begründungen folgt, dementsprechend auch von außen ohne Probleme nachvollziehbar ist, spielt sich soziales Leben nach Pareto hauptsächlich im nicht-logischen Bereich ab.

Das nicht-logische Handeln setzt sich aus Residuen und Derivationen einer Handlung zusammen. Residuen sind „prärationale Sinnstrukturen“, jedoch weder der „Instinkt“ oder „Trieb“, sondern Manifestationen derselben. Nach Pareto sind es die Residuen, die den Menschen in seinen Handlungen lenken. Dies geschieht allerdings nicht bewusst. Der Mensch ist gezwungen, auf Erklärungen zurückzugreifen, mit denen er seine Handlungen begründet und Rechenschaft über sie ablegt. Diese so genannten Derivationen sind schein-logische Erklärungen einer Handlung. Der Begriff der Derivationen tauchte später in der Psychologie unter dem Begriff „Rationalisierung“ wieder auf, auch die Verhaltensanalyse der Spieltheorie kennt den Begriff der „eingeschränkten Rationalität“.
Pareto teilte die Residuen in sechs Klassen auf:

    I: Der „Instinkt der Kombinationen“: Der Instinkt, verschiedenste Residuen mit Hilfe von Phantasie miteinander zu verknüpfen, logisch oder unlogisch
    II: Die „Persistenz der Aggregate“: Das Interesse am Fortbestehen von sozialen Verbindungen
    III: Das Bedürfnis, Gefühle durch Handlungen auszudrücken
    IV: Das Bedürfnis nach Soziabilität, d.h. danach, andere und sich einander anzupassen
    V: Das Streben nach Integrität des Individuums und dessen, was ihm eigen ist
    VI: Das sexuelle Residuum, das sich sowohl positiv als auch negativ auf Sexualität beziehen kann

Die Derivationen, so hielt Pareto fest, müssen nicht unbedingt logisch sein. Wichtiger ist die „Überzeugungskraft“ einer als logisch erscheinenden Folgerung. Auch sie teilte er in Klassen auf:

    I: Behauptung: Die Akzeptanz einer bloßen Behauptung als Erklärung aufgrund der Persönlichkeit oder Ausstrahlung des Redners
    II: Autorität: Die gewohnheitsmäßige Verbindung ohne Überprüfung einer Person („Kanzler“, „Professor“) oder Begriffen („Fortschritt“) mit bestimmten Eigenschaften wie z. B. Kompetenz
    III: Übereinstimmung: Das Teilen von Gefühlen oder Prinzipien, die Übertragung von Individualinteressen auf eine größere Gruppe („Volk“, „Proletarier“)
    IV: Wortbeweise: Die Benutzung bestimmter Begriffe, mit deren Hilfe Gefühle wie Sympathie und Antipathie suggeriert werden und die über den objektiven Inhalt einer Aussage hinausgehen. Zum Beispiel bezeichnen „Mord“ und „Exekution“ denselben Vorgang bei unterschiedlicher Bewertung, ebenso wird der Begriff „Krieg“ durch den Zusatz „gerecht“ aufgewertet.

Die Zirkulation der Eliten

Das Modell der Residuen fand seine Anwendung auch in anderen Theorien Paretos. Die populärste ist seine Theorie zur Zirkulation der Eliten.

Unter „Elite“ verstand Pareto dabei zunächst einen wertneutralen, funktionalen Begriff von „den Besten“ in einer Handlungskategorie – dies könnten Politiker, Gelehrte oder auch Sportler sein. Pareto sah Geschichte generell als „Friedhof der Eliten“, seine Theorie besagt, dass Eliten nicht von Dauer sind sondern nach einer gewissen Zeit verschwinden. Die Eliten werden von Reserve-Eliten abgelöst, die sich aus Aufsteigern der unteren Klassen rekrutieren.

So kommt, bei Betrachtung der politischen Elitenzirkulation, selbst nach einer Revolution nie „die Masse“ an die Macht, sondern besagte Reserve-Eliten, auch wenn diese sich gerne auf die Masse berufen oder behaupten, zu dieser zu gehören. Dieses „Berufen auf die Masse“ („Es lebe die Diktatur des Proletariats!“) ist laut Pareto eine Erfolg versprechende Derivation der III. Klasse, die sowohl von den herrschenden als auch den Reserve-Eliten benutzt wird.

Doch Eliten werden nicht nur abrupt durch Revolutionen abgelöst, die nach Pareto nur bei zu langsamer Erneuerung der Eliten stattfinden. Zusätzlich unterliegen Eliten auch einer langsamen und stetigen Veränderung. Wie er ausführte, ist diese Transformation „wie ein Strom, der heute anders ist, als er gestern war. Ab und an beobachtet man plötzliche und heftige Störungen, wie wenn ein Strom über die Ufer tritt, und danach beginnt die neue herrschende Klasse sich ihrerseits zu wandeln: der Strom, in sein Bett zurückgekehrt, fließt von neuem gleichmäßig dahin.“ [3]

Diese beiden verschiedenen Arten von Elitenwechsel, langsam und stetig oder abrupt, wurden von Pareto als evolutionärer oder revolutionärer politischer Herrschaftswechsel beschrieben. Er erklärte den Unterschied zwischen sozialer „Revolution“ und „Evolution“ mit Hilfe der beiden Residuen der I. und II. Klasse. In Anlehnung an Niccolò Machiavelli konstruierte Pareto mit den „Löwen“ und „Füchsen“ zwei extreme Typen der Macht, die die beiden Klassen von Residuen repräsentieren.

Die Löwen sind aufgrund ihrer Ideale stark, korrumpieren jedoch sobald sie an der Macht sind. Sie entsprechen dem II. Residuum, der „Persistenz der Aggregate“. Sie bilden gesellschaftsweit starre, unbewegliche und konstante Strukturen. Ihnen gegenüber stehen die Füchse mit ihren liberalen Einstellungen, die kombinatorische Freiheitsgrade zulassen und fördern. Sie werden dem I. Residuum, dem „Instinkt der Kombinationen“, zugeordnet. So lösen in der politischen Herrschaft nach Pareto die „Füchse“ die „Löwen“ evolutionär ab, „Löwen“ die „Füchse“ revolutionär.

Der später in Italien aufkommende Faschismus fand Paretos Elitentheorie sehr attraktiv für die eigene Ideologie und versuchte, sie für sich zu vereinnahmen. Die Würdigung Paretos durch Benito Mussolini rückte den Ökonomen im Bild der Öffentlichkeit in die Nähe des Faschismus, auch wenn er selbst diese Einordnung am Ende seines Lebens nicht begrüßte.

Das ökonomische Werk

Bevor sich Pareto verstärkt der Soziologie zuwandte, galt sein Hauptaugenmerk vornehmlich der Nationalökonomie, die später als Volkswirtschaftslehre in die Universitäten Einzug halten sollte. Einer seiner größten Verdienste auf diesem Gebiet ist die nach ihm benannte Pareto-Verteilung.

Bei einer Untersuchung der Vermögensverteilung in Italien fand Pareto heraus, dass ca. 80 Prozent des Vermögens sich im Besitz von 20 Prozent der Familien befand. Aus dieser Verteilung zog er den Schluss, dass sich Banken, würden sie sich nur um jenen reichen Teil der Familien kümmern, mit sehr geringem Aufwand einen Großteil ihrer Auftragslage sichern könnten. Mit nur 20 Prozent des normalerweise betriebenen Aufwands könnten so also 80 Prozent des Ziels erreicht werden. Letztendlich beschreibt die Pareto-Verteilung also ein statistisches Phänomen: Eine kleine Anzahl von hohen Werten (die reichen Familien) trägt mehr zu dem Gesamtwert einer Wertmenge bei als die große Anzahl kleiner Werte (die normalen Familien).

Aus diesem Phänomen wurde später das so genannte Pareto-Prinzip abgeleitet, das umgangssprachlich auch als „80/20-Regel“ bezeichnet wird. Das Prinzip, dass sich viele Aufgaben mit einem Mitteleinsatz von ca. 20 Prozent zu 80 Prozent erledigen lassen, findet seine Anwendung nicht nur bei komplexen ökonomischen Vorgängen, sondern ist genauso im Alltag zu beobachten. Ein Beispiel: Der in einem Geschäft verlegte Teppichboden nutzt sich auf dem Weg vom Eingang zur Kasse sehr schnell ab, während ein Großteil des Bodens noch wie neu aussieht, da er nie stark beansprucht wird. So weisen 20 Prozent des Teppichs 80 Prozent der Gesamtabnutzung auf. Ein anderes Beispiel kommt aus dem Bereich des Zeitmanagements: In 20 Prozent der eingesetzten Zeit sollen bereits 80 Prozent des gewünschten Ergebnisses entstanden sein, die restliche Zeit würde angeblich für „unnötiges Beiwerk“ verwandt und sei, so lassen selbsternannte Zeitmanagement-Experten verlauten, ineffizienter Perfektionismus.

Ein weiteres Verdienst Vilfredo Paretos war die Beschreibung des Pareto-Optimums. Dieses beschreibt einen Zustand, in dem Güter innerhalb einer Gruppe so auf die Mitglieder verteilt sind, dass keine Verbesserung des Einzelnen mehr möglich ist, ohne einem Mitglied zu schaden. Oder, um es einfacher auszudrücken: Was irgendeinem nützt und niemandem schadet, gilt als eine Verbesserung für alle. Ist es nicht möglich, jemanden besser zu stellen, ohne die Position eines anderen zu verschlechtern, ist das Pareto-Optimum erreicht. Hier finden sich Parallelen zu der Spieltheorie von John F. Nash und dem von ihm entwickelte Nash-Gleichgewicht.

Für sich genommen ist das Pareto-Optimum ein plausibles und unproblematisches Kriterium für gesellschaftliche Entscheidungen. Es befürwortet alle Veränderungen, die irgendjemandem nützen und niemandem schaden. Doch wenn von einer unfairen Ausgangslage ausgegangen wird, in der sich zum Beispiel 90 Prozent des Geldes eines Landes sich in der Hand eines Menschen konzentriert, so kann das Pareto-Optimum dazu keine Aussage machen. Denn die Verteilung des Geldes ist auch in diesem Fall Pareto-optimal: Niemand kann besser gestellt werden, ohne einen anderen schlechter zu stellen. Der (ungerechte) Status quo bleibt unverändert, das Kriterium des Pareto-Optimums wirkt zugunsten der bestehenden Verhältnisse. Ethisch problematisch wird es also, wenn die so definierte Optimalität bzw. Effizienz der einzige Gesichtspunkt bleibt.

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Literatur

  • Maurizio Bach (2004): Jenseits des rationalen Handelns : zur Soziologie Vilfredo Paretos, Wiesbaden
  • Gottfried Eisermann (1961): Vilfredo Pareto als Nationalökonom und Soziologe, Tübingen
  • Andreas Laukat (1999): Friedhof der Eliten. In: DIE ZEIT, Ausgabe 36/99 www.zeit.de
  • Universität Graz: 50 Klassiker de Soziologie. Biographie Vilfredo Pareto uni-graz.at
  • Artikel Vilfredo Pareto. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. Dezember 2006, 21:22 UTC. (Abgerufen: 1. Februar 2007, 16:35 UTC) de.wikipedia.org