Pilgerstätte der Architektur

von Vera Lisakowski


 
 
 

 
 
 

Teil 2

Ein Lichtstrahl in 50 Metern Entfernung konkurriert mit dem Dach um Aufmerksamkeit. Durch ein hohes Fenster fällt das Licht von der Seite auf den Altar, der fast verloren zwischen den Reihen schwarzer Plastikstühle steht. An drei Seiten umschließen die Stühle den Altar mit den durchbrochenen Ecken. Eine Anordnung, die eher zu einer Diskussion einzuladen scheint als zur Verehrung. Wie in einem Versammlungsraum sieht es aus, nicht wie in einer Kirche mit ihrer traditionell axialen Ausrichtung.

Zugegeben, ein mächtiger, aber sehr karger Versammlungsraum. Nur einige Kerzenleuchter schmücken die Wände aus grauem, kahlem Beton. Nicht einmal ein Kreuz hängt hinter dem Altar. Die beiden Rentnerinnen scheint das zu irritieren, sie diskutieren. Ihr Flüstern wird gedämpft vom Betonfaltwerk des Innenraums, der bis zu 6000 Menschen Platz bietet. Schlanke, eckige Stützen, um den Hauptraum gruppiert, tragen die Last des Daches. Ein Pfeiler sticht deutlich hervor, wuchtig und gewunden wie eine Schlange scheint auf ihm die Hauptlast zu ruhen. Erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass in den Pfeiler die Kanzel integriert ist, schmucklos und klar.

Rotes Licht modelliert die Säule, es lässt die Auskragungen besonders deutlich hervortreten. Quelle des Lichts ist eine filigran gestaltete Rose in flammendem Rot – ein weiteres Fenster – als Symbol für Maria, der die Kirche geweiht ist. Mit schlurfenden Schritten trägt ein grauhaariger Mann einen Kerzenleuchter aus dem Licht diagonal durch den Innenraum. Er scheint vor eine schwarze Wand zu laufen, nur einige schwach schimmernde weiße Rechtecke lassen Fenster erahnen. Kurz nachdem das Dunkel den Mann verschluckt hat, erscheint sein Schattenriss vor einem der höher gelegenen Fenster. Eine zweigeschossige Empore ist der Außenwand vorgelagert, folgt ihrer Form mit den Vor- und Rücksprüngen. Oben auf der Empore legen Betonbrüstung, Säulen und Unterzüge Rahmen um immer wieder neue Ausschnitte des Innenraums. Von jedem Sitzplatz hier hat der Gläubige seinen eigenen, ganz persönlichen Eindruck der Kathedrale. Mit jedem Schritt bietet sich eine andere Perspektive, ein neues Bild.

Eines dieser Bilder ist mystisch: Eine dunkle Höhle, in der schwaches Licht flackert. Die Marienkapelle wird fast ausschließlich von Kerzen beleuchtet. Vor einem Fenster mit gelben Fackeln stehen Teelichte in einer Nische. In dunklen Holzbänken sind schemenhaft zwei Personen zu erkennen, in tiefe Andacht versunken. Sie gilt der blumengeschmückten Säule im Zentrum der Kapelle. In die Säule eingelassen, so dass sich selbst die beiden Rentnerinnen leicht herunterbeugen müssen, um es zu sehen und zu berühren, ist das Ziel der Wallfahrt: Das Hardenberger Gnadenbild aus dem Jahr 1661. Die Darstellung der strahlenumkränzten Maria ist nicht größer als eine Handfläche, wird aber so verehrt, dass eigens für sie dieser gewaltige Kristall aus Beton modelliert wurde.
 
Homepage der Wallfahrtskirche in Neviges

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