Genau hinhören

von Vera Lisakowski

Teil 2

Sehr betulich ist auch der Name "Sonntagsspaziergang", die Sendung ist aber viel mehr als ein eineinhalbstündiger Ausflug in den Park. Bis zu 30 Minuten dauern die Reportagen: Vor dem geistigen Auge baumeln armdicke Schlingpflanzen von haushohen Bäumen, mit dem Reporter schlägt man sich durch den brasilianischen Dschungel auf der Suche nach seltenen Vögeln. Der Nacken schmerzt nach der unbequemen Nacht in der Hängematte und bei jedem Schritt quatschen die Gummistiefel im Schlamm. Oder die Küche wird unversehens zur Kombüse eines Containerschiffes auf dem Atlantik, neben einem schält ein philippinischer Koch die Kartoffeln und erzählt von seiner Sehnsucht nach Frau und Kindern, die er seit acht Monaten nicht gesehen hat. Der so harmlos anmutende "Sonntagsspaziergang" ist sicher das aufregendste Reisemagazin im deutschen Hörfunk.

Mutig ist dieser Sender mit seinem Wortprogramm, und auch weil er es wagt, Wolfgang Joop zu einem anderthalbstündigen Live-Interview einzuladen. Dieser Mann redet so viel, dass selbst der versierteste Moderator kaum noch zu Wort kommt. Er wie auch die Hörer lernen in den ersten 30 Minuten viel über die deutsche Nachkriegsmode. So viel, dass die Erleichterung des Moderators über die nun folgenden Nachrichten mitschwingt, als er den Modeschöpfer unsanft unterbricht. Nach einer weiteren Stunde sind die beiden wenigstens so weit in der Gegenwart angekommen, dass wir ein verblüffendes Detail über Wolfgang Joops nagelneue, sehr teure und noch unbequemere Gucci-Schuhe erfahren: Sie werden jetzt vom Gärtner eingetragen. Eigentlich heißt diese Sendung ja "Zwischentöne" – hier sollten sich Gespräch und Musik abwechseln. Bei solch einem Gesprächspartner ein aussichtsloses Unterfangen.

Ausschließlich um Musik geht es im samstäglichen Musikmagazin "Corso – Kultur nach Drei". Das Neueste aus der Popmusik wird hier vorgestellt, in Form von langen Interviews und Hintergrundberichten. Gefällige Musik absenden kann jeder. Wenn aber über all die angeblich geläuterten Gangsta-Rapper berichtet wird, die jetzt Baller-Computerspiele als Einnahmequelle entdecken, wird Popmusik richtig interessant.

Dieses vielseitige Kontrastprogramm zum üblichen Häppchenjournalismus macht selbst einen Tag voller Hausarbeit mit Putzen, Kochen und Staubwischen zu einem guten Tag. Nur der Staubsauger wird wohl nicht laufen, der ist einfach zu laut. Und spät nachts, nach einem langen Radiotag, werde ich regelmäßig an die Zeit vor meiner SWF3-Phase erinnert, als es im Fernsehen noch die Nachtlücke gab. Patriotische Gefühle kommen auf, wenn um Mitternacht die Nationalhymne erklingt. Wer braucht "Du bist Deutschland"? - Du bist Deutschlandfunk!
 
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