Konstruierte Realität der Social-Media-Scheinwelt


Symbolbild für Selbstinszenierung im Social WebCarinas Instagram-Account ist eine schillernde Zusammenfassung ihres Lebens: Alles ist bunt, fröhlich und sonnig. Wenn sie sich ihre Fotos durchsieht, hat sie das wohlige Gefühl, sich selbst zu betrachten, so wie sie ist. Carina mit ihrem Hund am Fluss, Carina und zwei Freundinnen grillen im Sommer auf dem Balkon, ein riesengroßer Eisbecher mit einer Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Das Eis hat sie zwar nicht selbst gegessen, sondern ihr Bruder und später beim Grillen hatte sie einen üblen Streit mit ihrem Freund. Aber der Tag mit Hund, der war wirklich schön!

Selbstinszenierung in Sozialen Medien

Seit Instagram unter Jugendlichen große Popularität gewonnen hat, steht die Frage im Raum, wie die Selbstinszenierung in dem Netzwerk zu beurteilen ist. Fotos und Kurzvideos, welche die User dort hochladen schaffen eine eigene Realität. Mit wachsenden „Likes“ und Follower-Zahlen entsteht Druck ein bestimmtes Selbstbild aufrecht zu erhalten. Im Falle der australischen Instagram-Bloggerin Essena O’Neill war es zu viel. Das Mädchen gelangte in die mediale Öffentlichkeit, als sie ihr Profil umbenannte in „Soziale Medien sind nicht das reale Leben“ und schließlich ihre gesamten Fotos löschte. Es besteht also ein gewisser Zwang, sich in Sozialen Medien möglichst vorteilhaft darzustellen und sogar zu vermarkten.

Warum inszenieren wir uns überhaupt? Warum wird es auf einmal wichtig, wie viele Freunde mein neues Profilbild kommentiert haben und meine Urlaubsfotos durchsehen? Neben dem grundsätzlichen Drang im Menschen sich zu äußern und mit anderen zu konkurrieren, lassen sich weitere Gründe für diese Entwicklung aufzählen. Ein Artikel des Cosmopolitan-Magazins fasst das gut zusammen: In Sozialen Netzwerken kann jeder ein Star sein. Fotos vom Mittagessen, den neuen Joggingschuhen, die tägliche Statusmeldung – auf Facebook oder Instagram folgen tausende Menschen Berühmtheiten wie Schauspielern oder Sängern. Ihre Social-Media-Kanäle sind scheinbare Gucklöcher in das Leben der Menschen, die in aller Munde sind. Die Inszenierung zum Star lässt sich in vielen Profilen wiederfinden: Ich bin wichtig, ich zeige mich. Darüber hinaus, folgert der Bericht, betrachten wir unser Leben heute mehr denn je als gestaltbares Projekt. Die eigene Individualität nach außen tragen, sich selbst definieren. Soziale Medien bieten eine gute Grundlage, um die eigene Persönlichkeit in den Raum zu stellen und in den Vergleich mit anderen zu treten.

Die Suche nach dem „echten Leben“

Die Fokussierung auf das eigene Leben und die extrovertierte Selbstdarstellung können auch eine Realitätsflucht sein – und eine neue Realität kann erschaffen werden. Über Fotos und Videos wie auf Instagram lässt sich das Leben geschönt in seinen farbenfrohesten Facetten darstellen. Um zu zeigen, wie schon Bildausschnitt die Wahrheit verändern oder verfälschen kann, hat etwa die Photografin Chompoo Baritone Bildausschnitte von Instagram-Fotos in ihrer realen Umgebung veröffentlicht. Nicht zu vergessen die Möglichkeiten, welche Bildbearbeitungsprogramme eröffnen. Daraus ergibt sich auch die Problematik, inwieweit wir aus dem Web tatsächlich Wahrheiten über Personen ableiten können. Schon das Anlegen eines Accounts mit verifizierten Informationen ist letztlich eine Übertragung dieser aus der Realität und den limitierten Ausdrucksmöglichkeiten des Sozialen Mediums unterworfen. Hier entstehen schnell Verzerrungen, die etwa bei einer statistischen Auswertung von Social-Media-Accounts ins Gewicht fallen können. Auch ein User, der die Profile von Mitmenschen in Sozialen Medien betrachtet sollte sich dieses Bewusstsein aneignen um nicht Fehlinterpretationen bezüglich ‚dem Leben der Anderen‘ zu erliegen.

Dass auch die User sich nach Echtheit, Wahrheit oder Natürlichkeit sehnen, zeigt das Beispiel einer Aachener Studentin. Sie bekam unerwartete Resonanz auf ihrem Instagram-Account. Die nur wenig bearbeiteten und stilistisch natürlichen Fotos sprachen insbesondere viele Mädchen und Frauen in Deutschland an. Die Studentin erhält nun Anfragen zu Tipps über Themen wie Fitness und Körperpflege. Dabei setzt sie nach eigenen Angaben nicht auf Werbeverträge und versucht einen äußerst verantwortungsvollen Umgang mit ihren Followern zu pflegen.

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Quellen

Spiegel Online: Jugendliche über Selbstinszenierung im Web

Spiegel Online: Essena O’Neill steigt aus Instagram aus

Boredpanda: Die Wahrheit hinter Instagram-Fotos von Chompoo Baritone

Cosmopolitan Online: Ego-Show in Sozialen Netzwerken

Aachener Zeitung: Ehrlichkeit in Sozialen Netzwerken