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Kultur gut bewahren

von Birgit Pieplow

Jeden Montag ist Visite. Die meisten Patienten hier sind schon recht betagt. Sie stehen auf wackligen Beinen, sind aus dem Leim gegangen oder von Schimmel befallen. Salopp formuliert: Der Lack ist ab. Die Rede ist nicht von einer Geriatrischen Klinik mit besonders schweren Fällen, sondern dem Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften an der Fachhochschule Köln. Genauer gesagt: dem Fachbereich für Holz und moderne Werkstoffe.

Ein Besuch im Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der FH Köln

Unter weißen Gaze-Tüchern verborgen stehen und liegen sie in den klimatisierten, mit Alarmanlage gesicherten Ateliers: die englische Anrichte etwa mit den schwergängigen Schubläden, das Vertiko aus dem 19. Jahrhundert oder der verschlissene Gründerzeitsessel vom Sperrmüll. Jede und jeder Studierende betreut hier ein Objekt, und dies über einen Zeitraum, der Online-Redakteuren als Zeitdimension so fremd erscheint wie Nachrichtenverbreitung per Postkurier. Ein Jahr, oft auch länger, dauert es, bis ein Möbel fertig restauriert ist. Restauratoren brauchen einen langen Atem. Wer ein Freund von schnellen Erfolgen ist, ist hier fehl am Platze.
Viele Objekte stammen aus Privatbesitz. Diejenigen, die ihr gutes Stück zur Restaurierung hierher bringen, müssen für eine ganze Weile von ihm Abschied nehmen.

Restaurierungsethik: Substanzerhaltung statt -erneuerung.

Wer glaubt, hier würden trödelmarktverdächtige Gebrauchsgegenstände auf Hochglanz getrimmt à la Sotheby’s Katalog, irrt. Mit derartigen Vorstellungen räumen Prof. Friederike Waentig und die Studierenden schnell auf: Professionelles Restaurieren heißt nicht, die Objekte wie neu erscheinen zu lassen. „Die Versuchung, kreativ zu sein, ist oft groß“, gibt Nico Intorf, einer der Studierenden, zu. Ziel und Herausforderung einer Restaurierung ist jedoch die reine Substanzerhaltung. Die Restaurierungsethik fordert, möglichst wenig zu verändern.

Das A & O: der Restaurierungsplan

Wie die Studierenden im Einzelnen mit einem Objekt verfahren, wird in einem Restaurierungsplan detailliert festgelegt. Bis der feststeht, diskutieren die Studierenden mit Prof. Waentig und ihrem Team immer wieder das Für und Wider einzelner Restaurierungsmaßnahmen. Zum Beispiel jeden Montag bei der Visite am Objekt. Sollen fehlende Teile ergänzt oder rekonstruiert, vorhandene ersetzt werden? Entscheidungskriterien hierfür sind, ob der Gebrauchsgegenstand auch ohne einen „Eingriff“ funktionsfähig ist, ob eine Ergänzung zum Stil passt oder ob eine vorhandene Ergänzung gut oder schlecht ausgeführt wurde.

Recherche per Karteikarten

Passen etwa die Griffe an den Schubläden der englischen Anrichte, die Jan Bengen restauriert, zu ihrem Stil? Um solche Fragen beantworten zu können, ist es wichtig, Vergleichsstücke zu finden. Auf Datenbanken können die Studierenden hier kaum zurückgreifen. Da müssen sie schon Museen abtelefonieren und fragen, ob die vielleicht ein vergleichbares Stück in ihrem Bestand haben. Noch sind vielerorts Karteikarten Grundlage der Recherche – aus Sicht von digital arbeitenden Online-Redakteuren kaum vorstellbare, mühsame Arbeitsbedingungen.

Auf den Leim kommt es an

Bereits seit geraumer Zeit widmet sich Nico Intorf einem Louis Philippe Vertiko, einem schlanken, etwa schulterhohen Schränkchen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf solchen Schränkchen drappierte das Bürgertum gerne Nippes, weshalb in der Regel auch eine so genannte Bekrönung dazu gehörte, eine geschwungene Abschlussleiste, die verhindern sollte, dass der Nippes herunterfiel. Sie fehlt allerdings an diesem Vertiko. Intorf muss nun entscheiden, ob und in welcher Form es aus Restauratorensicht vertretbar ist, die fehlende Bekrönung zu rekonstruieren. Wenn er Teile ergänzt, geschieht dies nur mit tierischen Leimen, denn die lassen sich mühelos wieder lösen. Auch in 150 Jahren soll noch erkennbar sein, welche Teile nachträglich ergänzt wurden. Reversibilität gehört heute zu den wichtigsten Grundprinzipien restauratorischer Tätigkeit. Bei vielen Objekten ist es für Restauratoren sehr aufwändig, Eingriffe früherer Besitzer rückgängig zu machen und so dem Originalzustand nahe zu kommen. Viele Objekte sind durch gutgemeinte vorangegangene Eingriffe bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Wie war das mit Parallelen zur Humanmedizin ...?

Kriminalistische Fähigkeiten gefragt

Nicht nur handwerklich müssen die Studierenden geschickt sein, sondern auch fit in naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Chemie und Biologie. Auch kriminalistische Fähigkeiten können sehr nützlich sein. Warum? Ähnlich einem ganzheitlichen Ansatz in der Medizin bemühen sich Restauratoren, den Gebrauchsgegenstand, mit dem sie sich befassen, in einen Gesamtkontext zu stellen. Zu einer ordentlichen Anamnese gehört eben auch, etwas zur Lebensgeschichte zu erfahren. Bei hölzernen wie bei menschlichen Patienten.
„Reents K12“ steht handgeschrieben auf der Rückseite des Vertikos. Für Nico Intorf Aufgabe und Herausforderung zugleich, dem Geheimnis dieser Inschrift auf die Spur zu kommen.
Die Spur führte nach Aurich in Ostfriesland. Da fährt man als Restaurator denn schon mal durch halb Deutschland und studiert die Pfarrbücher vor Ort. Um schließlich zu erfahren: Das Vertiko gehörte einer Familie Reents, die in den 1920er Jahren in die Kirchdorfer Straße 12 in Aurich umzog.

Begegnung mit einem Promi

Aber nicht nur mit hölzernen Objekten befassen sich die Studierenden im Institut von Prof. Waentig, sondern auch mit modernen Werkstoffen. Rebecca Kiefer, Studierende im fünften Semester, lupft die weiße Gaze: Ein futuristisch wirkender grün-brauner Polstersessel aus den 60er Jahren kommt zum Vorschein. Ein Promi unter den Objekten im Institut – denn der Sessel stammt aus der Serie „Djinn Chairs“, die Stanley Kubrick 1968 zur Ausstattung der Raumstation im Science Fiction Film „2001: Odyssee im Weltraum“ nutzte.

Restaurierung von Schaumstoff

Außen doch recht intakt, meint man. Na ja, den Stoff könnte man mal ein bisschen reinigen ... Aber so denken nur Dilettanten. Denn unter dem grün-braunen Bezug verbirgt sich eine restauratorische Herauforderung: eine nach einem knappen halben Jahrhundert bröckelig und bröselnd gewordene Masse Schaumstoff. Um genau zu sein: Polyurethan. Diese Diagnose ermöglichten Röntgenaufnahmen des Sessels. Rebecca Kiefers Interesse gilt nun der Restaurierung der Polyurethan-Polsterung. Längst hat sie ein großes Schaumstoff produzierendes Unternehmen kontaktiert. „Die verstehen nicht, warum ich das bröselige Polyurethan nicht einfach durch neues ersetze“, erzählt sie. Aber die wissen ja auch nichts von Restaurierungsethik, denkt man sich als Besucherin, die nach einigen Stunden Aufenthalt im Institut allmählich begonnen hat, den Restaurierungscodex zu verinnerlichen. Rebecca Kiefers erzählt, dass sie schnell sein muss, wenn sie am Tag X den Reißverschluss des grün-braunen Bezugs öffnen wird. Schnell, um die sich dann der Schwerkraft ergebende bröselige Polyurethan-Masse mit Tüchern zu stabilisieren. „Blitzschnell“, sagt sie. Und legt behutsam wieder die weiße Gaze über das von grün-braunem Stoff umhüllte Geheimnis aus Polyurethan.