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Eine tragische Beziehung - eine herausragende Kunst. Camille Claudel und Auguste Rodin

von Carolin Schöpper

„Die Schriftsteller wirken durch Worte, die Bildhauer aber durch Taten“  Pomponius Gauricus, in seiner Schrift „De Sculptura“ um 1504

Fugit Amor (um 1881), Auguste Rodin
Fugit Amor (um 1881), Auguste Rodin

Der Künstler Auguste Rodin

Auguste Rodin, Skulpturenkünstler geboren am 12. Nov. 1840 in Paris. Ein aus ärmlichen Verhältnissen stammender Beamten Sprössling, der in der Weltausstellung 1900 mit 171 Exponaten zu Weltruhm gelangte.

Ein harter und steiniger Weg, den er gehen musste. Dreimal wurde er nicht angenommen an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Paris, einer der anerkanntesten Kunsthochschulen jener Zeit. Wurden seine frühen Werke als obszön und kühn von der Gesellschaft abgelehnt, schaffte er es trotzdem, während des deutsch- französischen Krieges einzigartige Skulpturen zu erschaffen. Seine Techniken Non-Finito, das gewollt Unvollendete und seine aus Neu-Kombinationen von Teilen bestehenden Werke ließen Rodin als Wegbereiter in die Geschichte eingehen. 

Sein Sekretär Rainer Maria Rilke schrieb über ihn:

„Indem er uns unser Leben einmal in der Sphäre der Kunst erleben lässt, erlöst er uns von eben dem, wie wir es in der Sphäre der Wirklichkeit erleben. Mit dieser Entwicklung hat Rodin allen Künsten ein Zeichen gegeben in dieser ratlosen Zeit. Man wird einmal erkennen, was diesen großen Künstler so groß gemacht hat: Dass er ein Arbeiter war, der nichts ersehnte, als ganz, mit allen seinen Kräften, in das niedrige und harte Dasein seines Werkzeugs einzugehen. Darin lag eine Art von Verzicht auf das Leben; aber gerade mit dieser Geduld gewann er es: denn zu seinem Werkzeug kam die Welt.“

Rodin - Liebhaber, Mentor und Ehemann

Die durchgehende Dreiecksbeziehung mit seiner Frau Rose Beuret, die er mit 19 Jahren kennenlernte und erst mit 76 heiratete, und seiner Schülerin Camille Claudel, die einen enormen Altersunterschied von 24 Jahren zu ihm aufwies, gilt als legendär und tragisch. Mit Rose Beuret, seiner erst so spät geheirateten Ehefrau, zeugte er einen Nachkommen in den frühen Anfängen seiner Karriere. Es gab jedoch zwischen Rodin und Beuret wenig Gemeinsamkeiten außer dem künstlerisch nicht begabten Sohn.

Camille Claudel, geboren am 08. Dezember 1864, ebenfalls Bildhauerin wie Rodin, deren Talent vom Vater früh erkannt und gefördert wurde, ging bei Rodin in die Lehre. Rodin und Claudel verband sofort eine große, innige Liebe zu der Kunst und zueinander.

Camille Claudel war seine Muse, die ihm über 30 Jahre die Treue hielt und ihn durch all seine Krisen begleitete. Er, Auguste Rodin, der Professor, ihr Meister, der große Künstler, der Camille Claudel eine Orientierung an seinen Werken bot und selbst Einflüsse ihrer frühen Arbeiten in seine mit aufnahm, gab ihr Halt und unterstützte sie in ihren künstlerischen Tätigkeiten.

Auguste Rodin und Camille Claudel waren abhängig voneinander wie Drogensüchtige von ihrem Stoff. Eine Hassliebe! Sie, eine aufopfernde hübsche junge Frau, Rodins Geliebte, seine Muse, eine Vertraute und Helferin in den Lebenskrisen Rodins. Frauen dieser Zeit fanden in der Kunst nur wenig Anerkennung. Rodin führte Claudel in die Kunstszene ein und gab ihr Zuversicht, mit ihrer Kunst etwas erreichen zu können. 30 Jahre schaute sie zu ihm auf, gab sich ihm hin und schaffte Skulpturen, die durch ihren Realismus, wie z.B. „Torso de Clotho“, eine alte nackte Frau, mit jeder Falte, die sie darstellte, heute alle Kritiker überzeugt.
Auch „Láge Mur“, in der sie die Dreiecksbeziehung zwischen ihr, Rodin und seiner Frau Beuret darstellt, sind mittlerweile handwerklich hoch geachtete Exponate.
Rodin war ihre große und ihre einzige Liebe im Leben.
Rodin war aus heutiger Sicht ein Macho und ein Frauenheld. Er benutzte die jungen Mädchen als Vorlagen für seine Kunst. Anfänglich suchte er das Reine, das Schöne, das Faltenfreie, das, was jede junge Frau ausmacht, das Unberührte und Unverlebte. Camille Claudel war all dies in einer Person. Oft stellte er sie und andere Frauen dar. Probierte sich aus und benutzte sie.

Zeitgenössische Kunst als Ausdruck einer Liebe auf Zeit

Die bedeutendsten Werke Auguste Rodins und Camille Claudels stehen heute im Musée d'Orsay in Paris. Das Museumsgebäude, ein ursprünglich hoch frequentierter Pariser Bahnhof, wurde 1986 als Museum wiedereröffnet. Es beherbergt heute an die 4000 Exponate auf 16.000qm. Alle Werke stammen aus den Jahren 1848-1914.

Eine weltweit einzigartige Sammlung französischer Impressionisten. Nicht nur Gemälde, Werke des Kunsthandrucks und Designs, Grafiken und Fotografien und Möbel finden hier Platz,  sondern auch die beeindruckenden Skulpturen Rodins und Claudels kann man hier in der umgebauten Bahnhofshalle bewundern.

Die riesigen Räume und die großen, alten Glasfenster, der mit Stuck und Ornamenten besetzte Ballsaal, wo Charles de Gaulles 1958 seine Rückkehr zu Macht ausrief, Orson Welles seinen Film „Der Prozess" nach Franz Kafka drehte und die für einen Bahnhof bewegende Geschichte, als 1945 die Überlebenden der Konzentrationslager dort ankamen, machen dieses Gebäude zu einem Pflichtbesuch, wenn man sich in der Stadt an der Seine aufhält.

Nur hier lässt sich die Beziehung Rodins und Claudels nachvollziehen und spiegelt die Zeit, in der sie lebten, wider. Durch den direkten Vergleich mit anderen großen Impressionisten wie Jean-Baptiste Carpeaux, Claude Monet oder Paul Gauguin bietet sich eine einzigartige Möglichkeit, Camille Claudel und Auguste Rodin kennenzulernen.

Auch im Musée Rodin einem alten Stadtpalais bekannt als Hotel Biron, das Rodin und viele andere Künstler seiner Zeit als Atelier benutzten, finden sich heute die Skulpturen beider Künstler wieder. Leider zerfällt das Gebäude im Inneren durch Geldmangel. Doch der Garten und die mit Wandmalereien geschmückten Innenräume lassen erahnen, welche Pracht dort einmal geherrscht haben muss. Hier finden sich die „Bürger von Calais“, bei denen Rodin seine neuesten Techniken anwandte, und das niemals fertig gestellte in Bronze gegossene „Höllentor“. „Der Kuss“, eines der bekanntesten Werke Auguste Rodins, zwei Menschen innig ineinander in einen Kuss vertieft, kann man hier ebenfalls bewundern.

Porte de l’Enfer (1880 - 1917, unvollendet) - Auguste Rodin
Porte de l’Enfer (1880 - 1917, unvollendet) - Auguste Rodin

Liebe und Begierde - von der Kreativität zur Krise

Die Tragik ihrer Beziehung spiegelt sich auch in einem von Camille Claudel in der Mitte ihrer Beziehung aufgesetzten Vertrag wider, worin sie Rodin zu ihrem einzigen Professor macht und sie seine einzige Schülerin werden sollte.

Camille untersagte darin in einer Klausel seine andauernden Affären und legte auch eine baldige Hochzeit zwischen den beiden fest. Rodin und Claudel unterschrieben. Keiner hielt sich daran. Sie heirateten nicht und Rodin führte seine Frauengeschichte weiter.

Nach 30 Jahren Zusammenseins zog es Auguste Rodin vor, zu seiner ersten Frau Rose Beuret zurückzukehren und Camille Claudel versuchte sich emotional und künstlerisch von ihm zu lösen. Doch es gelang Camille nicht. Sie zog sich in eine kleine Wohnung in Paris zurück. Vollgestopft mit ihren Skulpturen und Werken verwahrloste Camille Claudel zusehends mit Müll, nahm bis zur Unkenntlichkeit etliche Kilos zu und zerstörte zum Schluss sogar ihre eigene Kunst. Als ihr Vater sich auch noch von Claudel abwandte, ihr einziger noch verbliebener Vertrauter, und er kurze Zeit später starb, brachten ihre Mutter und ihr Bruder der Dichter Paul Claudel, Camille gegen ihren Willen in eine psychiatrische Anstalt. Dort ließen sie Camille bis an ihr Lebensende allein zurück und besuchten sie nicht ein einziges Mal bis sie starb.

Nie wieder fand sie in der Anstalt den Weg zur Kunst zurück und schrieb herzzerreißende flehende Briefe an Rodin der allerdings niemals antworte. Seine Konzentration galt voll und ganz seiner Kunst und Rose Beuret.

„Das Höllentor“ wurde neben Camille Claudel zu Rodins Schicksal. Sein Haupt- und Lebenswerk, an dem er 37 Jahre bis zu seinem Tode arbeitete und dort all seine Ideen, Erfahrungen, Elemente, Emotionen und Gefühle einbrachte, sollte niemals fertig gestellt werden. Ursprünglich gedacht als Hauptportal für das damals geplante Musée des Arts Décoratifs, nahm Rodin Szenen aus „Die göttliche Komödie – Inferno“ von Dante zur Vorlage. Die Darstellung der Verdammten in ihrer Isoliertheit, die den existentiellen Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit und Endgültigkeit führen, lässt erahnen, was in Auguste Rodin vorging.

In den Werken unvergessen

Ein Happy End sollte es für keinen von beiden geben. Weder für Rodin, dessen Kunst noch zu Lebzeiten anerkannt wurde und der kurz vor seinem Tode seine Rose Beuret heiratete. Noch für Camille Claudel, die erst nach dem Tod den ihr zugehörigen Respekt in der Kunst erfuhr und  niemals wieder ihr Glück im Leben fand. Was bleibt, ist nur die Kunst, die die beiden für alle Zeiten verbindet und unzertrennlich macht.

Eben: eine tragische Beziehung – eine herausragende Kunst!