Gefühle statt Kühle - The Arcade Fire machen Schluss mit der Ironie

von Philip Kuhn

„The Arcade Fire“ ist keine dieser Bands, die beim ersten Hören gefällt. Die verzerrte Stimme des Sängers Win Butler ist gewöhnungsbedürftig, die Stücke mit Streichern, Piano und Drums instrumental überladen. Es dauert ein bisschen, bis der Lärm Kontur annimmt. Dann klingt die Musik der kanadischen Band nicht mehr wirr, sondern voller Leidenschaft, erzählen von seelischem Schmerz und großen Gefühlen. Ob die Musik auf dem Debüt-Album „Funeral“ aber tatsächlich deshalb so emotional geraten ist, weil ein paar Verwandte der Band kurz vor der Veröffentlichung gestorben sind, wie einige Kritiker schreiben, sei dahingestellt. Wahrscheinlich offenbaren The Arcade Fire ganz einfach nur ihr eigenes Gefühlsleben und haben damit den Nerv der Zeit getroffen.
Früher waren Indierock-Bands vor allem dann cool, wenn sie sich ironisch vom eigenen Gegenstand distanzierten und größtmögliche Teilnahmslosigkeit demonstrierten. Die Strokes sind so ein Band, mit bis ins letzte Detail manierierten Gesten und betont gelangweilter Attitüde auf der Bühne. Gegen„Funeral“ von Arcade Fire wirkt deren neues Album allerdings wie ein lieblos recycelter Querschnitt aus fünf vergangen Jahren Indierock – die Kritiker jubeln pflichtgemäß, doch die Hörer wenden sich enttäuscht ab.

The Arcade Fire hingegen haben nicht weniger vollbracht, als den Indierock zu revolutionieren, in dem sie die Distanz zwischen sich und dem eigenen Werk völlig aufgehoben haben. Die Band hat Spaß an der eigenen Musik und zeigt das auch. Wer je bei einem Live-Aufritt dabei war und gesehen hat, mit
welcher Hingabe Win Butler seine Verzweiflung herausschreit und Sängerin Régine Chassagne mit bebender Stimme einfällt, weiß wie sich das Publikum innerhalb kürzester Zeit von der Musik anstecken lässt und geradezu in einen Zustand der Selbstvergessenheit gerät.

Selbst bei einem TV-Auftritt in der US-amerikanischen Comedy-Show „Conan O’Brien“ legten sich die Kanadier derart ins Zeug, dass das Publikum minutelang frenetisch applaudierte und der sonst so wortgewandte Moderator angesichts des überwältigenden Auftritts der Band aus Montreal fast verstummte. Da möchte man es The Arcade Fire fast verzeihen, dass sie jetzt im Vorprogramm der irischen Proll-Rocker U2 spielen. Schließlich ist auch den Fans von Bono und Co. ein musikalischer Relaunch zu gönnen.