Kermit, der Frosch

von Kerstin Walther

Kermit ist mein Auto. Warum Frauen immer allem und jedem einen Namen geben müssen, weiß ich auch nicht, aber ich persönlich finde, dass jemand oder etwas, dem man ständig gut zuredet oder das man anschreit, auch einen Namen verdient hat.
Das mein Wagen gerade diesen Namen trägt, hat verschiedene Gründe. Zum einen besitzt mein Auto einige froschtypische Attribute, die sich einfach nicht von der Hand weisen lassen. Es ist grün, hat ein breites Maul und hüpft, zumindest im Winter, eher als dass es ordentlich anspringt. Ansonsten kann er auch noch bei einer rasenden Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h (nur mit Rückenwind und bergab) hervorragend Fliegen auf der Windschutzscheibe fangen.
Der andere Grund, der letztendlich ausschlaggebend für die Namensgebung war, ist Miss Piggy. Denn als ich mein Auto bekam, hatte ich einen, sagen wir mal, mädchenhaften Kleidungsstil, der mir bei meinen Freunden charmanterweise den liebreizenden Spitznamen Miss Piggy einhandelte. Und da Miss Piggy und Kermit einfach zusammengehören und mein Auto mein Kermit ist, hört mein Auto seitdem auf diesen Namen.
Ich habe zum Glück jetzt auch andere Farben als rosa und pink im Schrank und werde von meinen Freunden wieder mit meinem Vornamen angeredet.
Kermit ist nicht nur mein absolutes Lieblingsstück, weil er so großartig zu meinem peinlichen Spitznamen gepasst hat. Er ist viel mehr als nur ein altersschwaches Auto, das mich von A nach B transportiert. Mein Frosch ist mein Kleiderschrank, der immer Schuhe, Jacken, Pullover, Mützen und Handschuhe für jede Lebens- und Wetterlage bereithält. Kermit ist mein Agressionsbewältiger, den ich solange beschimpfen und anschreien kann, bis es mir wieder gut geht. Darüber hinaus ist er dank der fehlenden Servolenkung und dem Verdeck, das sich zwar automatisch öffnet, sich aber nur noch manuell schließen lässt, mein Personal Trainer für den Armbereich.
Er ist auch insgesamt ein Segen für die Menschheit, da ich dank ihm morgens nicht mehr mit der Bahn zu Terminen fahren muss. Denn als absoluter Morgenmuffel bin ich vor 10 Uhr die absolute Gefahr für die Allgemeinheit, wenn ich sofort mit vielen Menschen, besonders mit Kindern und ihren Schulranzen, konfrontiert werde. Durch mein Auto kann ich diese morgendliche Folter umgehen, kann genüsslich im Auto Musik hören, meine erste Zigarette rauchen und entspannt ankommen.
Viele sagen über mein Auto, dass es auch mein persönlicher Mülleimer wäre. Doch das ist ganz falsch gedacht. Vielmehr herrscht in meinem Wagen das kreative Chaos, dass allein ich durchschaue und alle anderen nicht verstehen. Denn auf der hinteren Ablage liegen ausschließlich Quittungen und Bons, die ich eventuell noch zum umtauschen brauchen könnte, die aber nicht mehr in mein Portemonnaie passen.
Dann habe ich auf meinem Beifahrersitz immer einen Piccolo und im Handschuhfach zwei Bücher, von denen eins jetzt seit ungefähr vier Jahren dort liegt und ein ungemein spannendes Fachbuch von meiner damaligen Ausbildung ist. Kein Wunder also, dass es nach der Abschlussprüfung direkt ins Handschuhfach hinein gelegt, aber nie wieder herausgenommen wurde.
Außerdem habe ich ziemlich oft eine Pfandflaschensammlung auf dem Rücksitz, die ich erst wegbringe, wenn es sich auch lohnt. Allerdings glaube ich, dass dieses Phänomen bei vielen Autofahrern zu finden ist, sich aber der Rücksitz in den uneinsehbaren Kofferraum verlagert, der aber bei meinem Auto zum Kleiderschrank umfunktioniert wurde.
Und sollte ich irgendwann einmal mit meinem Auto eine Panne haben und es zwangsweise als Schlafplatz gebrauchen müssen, könnte ich, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, folgendes tun: die Pfandflaschen von der Rückbank räumen und mir eventuell von dem Geld ein Hotelzimmer leisten, oder mir eine Jogginghose und eine Decke aus dem Kofferraum holen, das Verdeck aufmachen und in die Sterne gucken, einen Schluck aus dem Piccolo trinken und genüsslich über einem Buch einschlafen.


 

 

 

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