Pilgerstätte der Architektur

von Vera Lisakowski


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Dieser Parkplatz ist eindeutig überdimensioniert. Mindestens 50 Busse finden hier Platz – am Eingang eines winzigen Ortes im Bergischen Land. Auf der großen Schotterfläche stehen jetzt nur wenige Autos, eines davon gehört zwei Rentnerinnen, die zu Fuß den Hinweisschildern "Mariendom" mit dem merkwürdig gezackten Fleck daneben folgen. Erstaunlich viele Trödelläden sind in den schindelverkleideten Häusern untergebracht, die die Straßen Neviges' säumen. Der Ort scheint außerdem ein Zentrum des deutschen Devotionalienhandels zu sein: Kerzen, Kreuze und Krippen sind selbst im Schaufenster der Bäckerei ausgestellt – und natürlich Marienfiguren.

Nach fünf Minuten Fußweg durchbricht ein Fremdkörper aus Beton das einheitliche Bild der putzigen bergischen Häuschen: Der Kindergarten des Ortes, aus dem schrilles Kinderlachen erklingt – neben Vogelgezwitscher das einzige Geräusch in der Mittagsruhe. Dem Kindergarten gegenüber beginnt der letzte Teil des Wallfahrtsweges zum Marienbild in Neviges.

Die beiden Rentnerinnen steigen langsam die flachen Stufen des breiten Ziegelweges hinauf. Blattlose Platanen säumen den Weg, der in sanftem Bogen um die Rundungen des Pilgerhauses herumführt. Nach wenigen Schritten ist das gezackte Gebilde des Hinweisschildes wieder zu sehen: Wie ein dunkler Kristall zeichnet sich das Dach des Mariendoms gegen den hellblauen Novemberhimmel ab. Bedrohlich erscheint das Betongebilde, das doch "Maria, Königin des Friedens" heißt und die "Stadt Gottes auf dem Berge" abbilden soll - oder aber die Hügel des Bergischen Landes, wie der Kölner Architekt des Doms, Gottfried Böhm, es sieht.

Zwei schattige Nischen leiten ins Innere des gewaltigen Gebäudes, zunächst allerdings in einen bedrückend niedrigen Vorraum. Glastüren führen von hier in den Innenraum der Kirche – nichts als Schwarz ist dahinter zu sehen. Kühl und frisch ist die Luft, die Schuhsohlen knirschen leise auf dem Ziegelboden. Der Außenraum setzt sich hier innen fort – nur viel dunkler. Nach einigen Minuten hat sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt, sofort irrt der Blick unruhig durch den riesigen Raum, auf der Suche nach Fixpunkten. Er folgt automatisch der gekonnten Linienführung bis hinauf in die Spitzen des Daches. Wie magnetisch angezogen legt sich der Kopf in den Nacken um in die mit 34 Metern höchste Spitze zu blicken. Sie liegt nicht zentral über dem Gemeinderaum der Kirche, auch nicht über dem Altar. Irgendwo dazwischen hat Gottfried Böhm sie platziert, so fasst sie Altar- und Gemeinderaum zusammen. Im Jahr 1965 forderte das II. Vatikanische Konzil eine aktivere Rolle der Gemeinde am Gottesdienst. Dieser Forderung kam der Architekt bereits in der 1968 geweihten Kirche mit der zusammenfassenden Dachspitze nach.

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